{"id":359,"date":"2019-01-13T16:48:34","date_gmt":"2019-01-13T15:48:34","guid":{"rendered":"http:\/\/vox-populi.info\/?p=359"},"modified":"2019-01-13T16:48:39","modified_gmt":"2019-01-13T15:48:39","slug":"reale-und-gefuehlte-ungleichheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vox-populi.info\/?p=359","title":{"rendered":"Reale und gef\u00fchlte Ungleichheit"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Deutschland ist Globalisierungsgewinner, dennoch werden Freihandel und Markt kritisch gesehen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Von Stephan Lorz, Frankfurt<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Globalisierungsreport 2018 der Bertelsmann-Stiftung\nl\u00e4sst keinen Zweifel zu: Deutschland geh\u00f6rt zu den L\u00e4ndern, die am meisten von\nder Globalisierung profitieren (6. Platz). Das Bruttoinlandsprodukt habe sich\nzwischen 1990 und 2016 infolge von mehr Freihandel, internationaler\nVerflechtung und Spezialisierung hierzulande um j\u00e4hrlich 1 150 Euro pro Kopf\nerh\u00f6ht, so der von Prognos erstellte Bericht. Der Wohlstand der Deutschen ist\ndurch die Globalisierung also gestiegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dennoch: Blickt man auf die politische Diskussion,\nscheint es, als ob es durch die Weltoffenheit mehr Probleme als L\u00f6sungen gibt.\nVon einer zunehmenden sozialen Ungleichheit ist die Rede &#8211; trotz rekordhoher\nBesch\u00e4ftigung, enormer staatlicher Umverteilung und steigender Lebensqualit\u00e4t.\nDie Menschen fanden sich sogar zu Massendemonstrationen zusammen, um das\ntransatlantische Freihandelsabkommen TTIP zu stoppen &#8211; und haben es geschafft.\nDie Parteien aus dem linken wie rechten Spektrum wollen gar die Europ\u00e4ische\nUnion zurechtstutzen. Der Brexit ist das Fanal f\u00fcr diese diffuse\nUnzufriedenheit breiter Bev\u00f6lkerungskreise in den westlichen L\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist die Ursache f\u00fcr dieses gesellschaftliche\nAufbegehren? L\u00e4sst sich der Unmut auch anhand von Fakten begreifen? Oder ist er\neher Ausdruck einer soziologischen Befindlichkeitsst\u00f6rung, die sich vor allem\naus den Filterblasen der sozialen Medien speist und dann eine Eigendynamik entwickelt\nhat?<\/p>\n\n\n\n<p>Tatsache ist, dass die Globalisierung global betrachtet\neine enorme Armutsreduzierung bewirkt hat. Die Ungleichheit zwischen den\nL\u00e4ndern wurde verringert, gemessen am Gini-Koeffizienten, der die\nEinkommensverteilung darstellt (siehe Grafik). Vor allem in den\nSchwellenl\u00e4ndern w\u00e4chst die Mittelschicht rasant, wird die Armut\nzur\u00fcckgedr\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"521\" height=\"327\" src=\"https:\/\/vox-populi.info\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/66119502.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-361\" srcset=\"https:\/\/vox-populi.info\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/66119502.jpg 521w, https:\/\/vox-populi.info\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/66119502-300x188.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 521px) 100vw, 521px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Aufstieg dieser L\u00e4nder wurde allerdings auch erkauft\ndurch Jobverlagerungen von den Industriel\u00e4ndern &#8211; wegen der Marktn\u00e4he und\ng\u00fcnstigerer Produktionskosten. Anfangs konnte der Jobverlust in den\nentwickelten Staaten noch durch den wachsenden Exportmarkt und durch\nSpezialisierung der Volkswirtschaften kompensiert werden. Doch ist ein gewisses\nMa\u00df an Globalisierung erst einmal erreicht, zeigt eine Studie von Valentin Lang\nvon der Universit\u00e4t Z\u00fcrich und Marina Mendes Tavares vom Internationalen\nW\u00e4hrungsfonds (IWF), vermindern sich die Wohlstandszuw\u00e4chse. Und was noch\nwichtiger ist: Sie kommen dann zudem weniger den unteren Einkommen zugute als\nden Besserverdienenden. Das, so Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank,\nl\u00e4sst die Ungleichheit noch st\u00e4rker ansteigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sorgen in der Bev\u00f6lkerung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Solche Mechanismen best\u00e4rken nat\u00fcrlich das Gef\u00fchl in der\nBev\u00f6lkerung von Industriel\u00e4ndern, benachteiligt zu werden. Objektiv ist seit\nden 1980er Jahren auch durchaus ein starker Zuwachs an Ungleichheit zu messen;\neine Entwicklung, die zuletzt wieder weitgehend zum Stillstand gekommen ist.\nNach wie vor aber gilt, was selbst der franz\u00f6sische \u00d6konom Thomas Piketty, der\nvon vielen Globalisierungskritikern als Kronzeuge einer ungerechten Weltordnung\nangef\u00fchrt wird, best\u00e4tigt: Nirgendwo gibt es so wenig Ungleichheit wie in\nEuropa. Der Anteil der obersten 10 % der Bev\u00f6lkerung am Gesamteinkommen liege\nauf dem Kontinent bei 37 %, in Kanada, USA, Russland und China zwischen 41 und\n47 %.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher h\u00e4lt es auch Marcel Fratzscher, Pr\u00e4sident des\nDeutschen Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung (DIW), f\u00fcr falsch, dem\n&#8222;Wirtschaftssystem&#8220; eine Mitschuld an den Verh\u00e4ltnissen zu geben. Es\nsei vielmehr Aufgabe der nationalen Politik, die Profite der Globalisierung in\ndie richtigen Bahnen zu lenken. Zu oft werde &#8222;die Globalisierung aber zum\nS\u00fcndenbock f\u00fcr eigene Fehler gemacht&#8220;. Um die Globalisierung einzuhegen,\nsollte man laut Fratzscher aber nun nicht eine egalit\u00e4re Gerechtigkeit zum Ziel\nhaben, sondern m\u00fcsse die Chancen- und Leistungsgerechtigkeit f\u00f6rdern. Und das\nhabe viel mit Bildung und Infrastruktur zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit einigen Jahren haben das auch der IWF und die\nIndustriel\u00e4nderorganisation OECD erkannt, die fr\u00fcher auf schlichtes Wachstum\nund Freihandel gesetzt haben in der Hoffnung, dass der Markt schon f\u00fcr eine\neffiziente und irgendwie gerechte Verteilung sorgt. Sie selbst fordern nun mehr\n&#8222;Inclusive Growth&#8220;. Zu wenig habe man auf die Frustration der\nVerlierer und Abgeh\u00e4ngten geachtet, hei\u00dft es selbstkritisch. Und die soziale\nUmverteilung sei vor allem als St\u00f6rfaktor im Marktgeschehen betrachtet und\nentsprechend gegei\u00dfelt worden, statt ihre befriedende Funktion zu w\u00fcrdigen. Das\nspiele jetzt den Extremisten jeder Couleur in die H\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Steuerhoheit untergraben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die &#8222;Sozialreparatur&#8220;, auf die man nun setzt,\nkann aber nicht mit dem n\u00f6tigen Drehmoment in Gang gesetzt werden. Zum einen\nsind die Staaten vielfach bereits \u00fcberschuldet, zum anderen wird ihre\nSteuerhoheit zusehends durch die Digitalisierung untergraben, weil die Profite\nder gro\u00dfen Digitalkonzerne im virtuellen Raum verschoben werden. Zudem kommt\nein neues Problem auf die Staaten zu: Jobverluste durch Digitalisierung und\nRoboterisierung, was den Sozialstaat unter zus\u00e4tzlichen Druck setzt. Denn durch\nden Einsatz von k\u00fcnstlicher Intelligenz werden selbst Berufe \u00fcberfl\u00fcssig, die\nbisher vor Automatisierung sicher schienen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den USA drohen einer Studie der Universit\u00e4t Oxford\nzufolge, bis 2030 fast die H\u00e4lfte der Jobs wegzufallen. In Deutschland, so die\n\u00d6konomen der ING-DiBa, k\u00f6nnten von den rund 31 Millionen\nsozialversicherungspflichtig und geringf\u00fcgig Besch\u00e4ftigten rund 18 Millionen\ndurch Roboter und Software ersetzt werden. Automatisierung gab es zwar schon\nimmer. Auch die Webst\u00fchle ersetzten massenweise Arbeitspl\u00e4tze. V\u00f6llig unklar\naber ist, wo die neuen M\u00e4rkte entstehen, die als Kompensation dienen k\u00f6nnten.\nUnd selbst wenn Hoffnung naht &#8211; in der \u00dcbergangszeit d\u00fcrfte eine\nWirtschaftskrise politische Tumulte mit sich bringen, die an den Grundfesten\nder Gesellschaftsordnung r\u00fctteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kommt, dass Automatisierung und Digitalisierung die\nsoziale Ungleichheit strukturell noch weiter befeuern. Das\nThe-winner-takes-it-all-Prinzip bei digitalen Netzwerken l\u00e4sst Superstar-Firmen\nhochkommen zulasten aller anderen Akteure auf dem Markt, wie die \u00d6konomen der\nBertelsmann-Stiftung warnen. Das geht nicht nur mit einem Verlust von Jobs\neinher, sondern Studien zufolge auch mit einem R\u00fcckgang der Lohnquote. Der\neinflussreiche und liberale \u00d6konom Tyler Cowen geht davon aus, dass k\u00fcnftig\neine Elite von 10 bis 15 % der Erwerbst\u00e4tigen alle globalen Produktionsprozesse\nleiten wird; die Fachkenntnisse dieser Elite reichten aus, um die intelligenten\nMaschinen und Roboter weiterzuentwickeln und weltweit zu steuern. Der US-\u00d6konom\nJeremy Rifkin warnt schon seit Jahren: &#8222;Wir vollziehen gerade einen Wandel\nhin zu einem Markt, der zum allergr\u00f6\u00dften Teil ohne Arbeitskraft\nfunktioniert.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Grundeinkommen als L\u00f6sung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch wer soll die Produkte \u00fcberhaupt kaufen, wenn immer\nmehr Schichten verarmen und sich die Gadgets der modernen Technikwelt nicht\nmehr leisten k\u00f6nnen &#8211; ganz abgesehen von der politischen Sprengkraft, die heute\nschon die Armuts- und Ungleichheitsdiskussion entfaltet?<\/p>\n\n\n\n<p>So manche Digital- und Technikkonzerne favorisieren die\nEtablierung eines bedingungslosen Grundeinkommens, sagen aber nicht, woher das\nGeld hierf\u00fcr genommen werden soll (zumal sie sich selbst gerne der\nSteuerpflicht entziehen). Frank Rieger vom Chaos Computer Club schl\u00e4gt daher\neine Steuer vor, wie sie schon einmal in den 1970er Jahren als\n&#8222;Maschinensteuer&#8220; hochgekommen ist: &#8222;Wenn uns Roboter und\nAlgorithmen in der Arbeitswelt ersetzen, sollten sie auch unseren Platz als\nSteuerzahler einnehmen.&#8220; Hieraus k\u00f6nnten dann die sozialen\nSicherungssysteme alimentiert werden. Eine solche Steuer lie\u00dfe sich aber nur\ninternational konzertiert durchsetzen, weil ansonsten die heimische Wirtschaft\nim Kostenwettbewerb den K\u00fcrzeren ziehen w\u00fcrde. Sie ist also sehr\nunwahrscheinlich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Verantwortung der Politik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere M\u00f6glichkeit w\u00e4re ein Neustart in der\nBildungspolitik. Die gerne in Talkshows und Sonntagsreden verbreiteten Rezepte\nm\u00fcssten daf\u00fcr endlich umgesetzt werden. Nur durch eine moderne Bildungspolitik\nkann der Wandel in der Arbeitswelt gelingen, k\u00f6nnen die neuen anspruchsvollen\nJobs nach Deutschland geholt und das Gemeinwesen nachhaltig finanziert werden.\nDie bisherigen Ans\u00e4tze &#8211; Beispiel Digitalpakt &#8211; waren nicht nur ergebnislos,\nsondern geradezu peinlich f\u00fcr einen Industriestaat wie Deutschland.\nLetztendlich braucht das Land einen &#8222;New Deal&#8220;, um den Menschen\nwieder eine Perspektive zu geben; eine Hoffnung zu schenken, dass es ihnen in\nder Zukunft besser gehen wird. Das w\u00e4re die Grundlage f\u00fcr &#8222;Inclusive\nGrowth&#8220;. Das Gef\u00fchl von Ungleichheit und Ungerechtigkeit k\u00f6nnte\nzur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden und die Politik und die Institutionen w\u00fcrden wieder das\nVertrauen gewinnen, das ihnen weite Bev\u00f6lkerungskreise entzogen haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland ist Globalisierungsgewinner, dennoch werden Freihandel und Markt kritisch gesehen Von Stephan Lorz, Frankfurt Der Globalisierungsreport 2018 der Bertelsmann-Stiftung l\u00e4sst keinen Zweifel zu: Deutschland geh\u00f6rt zu den L\u00e4ndern, die am meisten von der Globalisierung profitieren (6. Platz). 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