{"id":308,"date":"2016-10-30T18:08:34","date_gmt":"2016-10-30T17:08:34","guid":{"rendered":"http:\/\/vox-populi.info\/?p=308"},"modified":"2016-10-30T18:08:34","modified_gmt":"2016-10-30T17:08:34","slug":"konjunkturelles-siechtum-voraus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vox-populi.info\/?p=308","title":{"rendered":"Konjunkturelles Siechtum voraus?"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Die konjunkturelle Erholung verl\u00e4uft nur schleppend, weil die Notenbanken eine echte Reinigungskrise verhindern. Die Menschen m\u00fcssen sich um die Zukunft sorgen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Von Stephan Lorz, Frankfurt<\/p>\n<p>So richtig schlau werden Konjunkturbeobachter nicht, wenn sie derzeit auf die globalen Stimmungsindikatoren blicken: Optimistische Umfrageergebnisse wechseln sich in Europa, den USA und den Emerging Markets mit entt\u00e4uschenden ab. Auch die harten statistischen Daten sind ohne klare Richtung. Deutschland sticht aus diesem Feld \u00fcberaus positiv heraus. Das zeigt mit Blick nach hinten der in einigen Regionen inzwischen leergefegte Arbeitsmarkt. Und die j\u00fcngsten Befragungen von Unternehmern und Einkaufsmanagern lassen mit Blick nach vorn auf die n\u00e4chsten sechs Monate sogar eine regelrechte Euphorie durchschimmern. Deutschlands Wirtschaft, so res\u00fcmierte das Markit-Institut, das die Einkaufsmanagerbefragungen durchf\u00fchrt, kehre &#8222;wieder auf die \u00dcberholspur zur\u00fcck&#8220;.<\/p>\n<p>Aber kann man diesen Einsch\u00e4tzungen tats\u00e4chlich glauben vor dem Hintergrund des blutleeren globalen Wachstums und der schwachen Dynamik des Welthandels? Und der politischen Risiken, die sich allerorten zusammenballen &#8211; in den USA und vor allem in Europa, wo es um nicht weniger als die Zukunft der Gemeinschaft geht. Wie sollte sich die Exportnation Deutschland hier abkoppeln k\u00f6nnen? Angesichts der Tatsache, dass die Notenbanken weltweit die Zinsen in bisher nicht gekanntem Ausma\u00df nach unten geschleust haben und den Staaten die Anleihen f\u00f6rmlich aus der Hand rei\u00dfen, geht es historisch betrachtet sogar auch in Deutschland erstaunlich z\u00e4h voran. Als l\u00e4ge ein beklemmender Albdruck auf der Konjunktur.<\/p>\n<p>Ein Blick auf die Teuerung zeigt das ganze Ausma\u00df dieser verfahrenen Situation: Nur weil der Basiseffekt der Energiepreise etwas nachl\u00e4sst, reckt die Inflation wieder ihr Haupt. Die unterliegende Entwicklung bleibt indes ged\u00e4mpft. Selbst das lange Ende der Renditekurve robbt an die Nulllinie heran. Das ist nicht allein auf die lockere Geldpolitik zur\u00fcckzuf\u00fchren. Vielmehr rechnen Beobachter auch in der langen Perspektive inzwischen nur noch mit einem eher ged\u00e4mpftem Wachstum. Das widerspricht den positiven Bekundungen bei Unternehmensbefragungen.<\/p>\n<p>Manche \u00d6konomen vermuten hinter dieser verworrenen Lage das Ph\u00e4nomen der &#8222;s\u00e4kularen Stagnation&#8220;. Durch die technologische und demografische Entwicklung, die zunehmende Ungleichheit in der Gesellschaft und infolgedessen der Kapitalballung bei verm\u00f6genden, saturierten Haushalten fehle es eben an der n\u00f6tigen Wachstumsdynamik. Die Verunsicherung durch politische Krisen in Nahost, die Sorge vor einem neuen kalten Krieg mit Russland sowie die &#8211; nicht zuletzt durch den Brexit &#8211; fragile Lage der EU kommen hier noch erschwerend hinzu. Das l\u00e4sst Investoren und Konsumenten zweifeln und abwarten. Der vielerorts um sich greifende Protektionismus und Nationalismus macht es dem Wachstum in Zukunft sogar noch schwerer. Schlie\u00dflich ben\u00f6tigen die Marktwirtschaften der Industriel\u00e4nder und der Emerging Markets offene M\u00e4rkte, klare Regeln und stabile Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Alle diese Widerst\u00e4nde k\u00f6nnten aufgebrochen werden, wenn die Politik schnell handeln und mit konzertierten Reformen den Menschen wieder Zukunftshoffnung einimpfen w\u00fcrde. Stattdessen scheinen die Regierungen aber &#8211; vor allem in Europa &#8211; in einem Nash-Equilibrium festzustecken. Dieser Begriff aus der Spieltheorie beschreibt die Situation, in der niemand einen Anreiz hat, von seiner Strategie des Abwartens abzuweichen. In der aktuellen Situation sind es die Notenbanken, die den politischen Stillstand zementieren. Unter anderen Umst\u00e4nden w\u00fcrde die derzeit schleppende Konjunktur politische Reformen geradezu erzwingen. Wachstumsbremsen w\u00fcrden beseitigt. In unserer Wirklichkeit werden die Staaten von den Notenbanken aber quasi durchfinanziert und ihre Schuldenlast wird abgemildert. Der Ver\u00e4nderungsdruck ist also gering. Ein schwaches Wachstum reicht schon aus, die W\u00e4hlerklientel bei Laune zu halten.<\/p>\n<p>Der fr\u00fchere Ifo-Pr\u00e4sident Hans-Werner Sinn spricht von einem &#8222;sich selbst produzierenden Siechtum&#8220;, weil die Notenbanken eine Reinigungskrise verhindert haben und aus falsch verstandener Verantwortung die Entgiftung weiter blockieren. Das gilt f\u00fcr Europa genauso wie f\u00fcr die USA und Japan. Die n\u00e4chste Krise wird die Volkswirtschaften dann aber mit umso gr\u00f6\u00dferer Wucht treffen. Denn die Nebenwirkungen der ultralockeren und unkonventionellen Geldpolitik fressen sich bereits in alle Ver\u00e4stelungen der Volkswirtschaften hinein, manipulieren den Preismechanismus, destabilisieren die Finanzsysteme und verw\u00e4ssern das Grundvertrauen in die Geldordnung. Die Sorgen vor einer neuen Krise steigen &#8211; und lasten dann noch mehr auf der Konjunktur. Das l\u00e4sst die Geldpolitik ins Leere laufen, was deren Akteure aber zu noch unkonventionellerem Handeln anspornt.<\/p>\n<p>Um eine gro\u00dfe Krise zu verhindern und zugleich den Teufelskreis konjunkturellen Siechtums zu durchbrechen, m\u00fcssten die Notenbanken sich daher offen zu den Grenzen ihrer Macht bekennen, den Schleier der geldpolitischen Illusion zerrei\u00dfen und eine Kehrtwende einleiten. Das w\u00fcrde die Politik zum Handeln zwingen &#8211; und den Menschen vor Augen f\u00fchren, dass das System der Marktwirtschaft doch zur Selbstkorrektur in der Lage ist. Schon weil es dann wieder eine Perspektive gibt, das Umfeld berechenbar erscheint und der Preis seine Funktion erf\u00fcllen kann, k\u00f6nnte dieser Hoffnungsfunke einen neuen Wachstumszyklus ausl\u00f6sen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die konjunkturelle Erholung verl\u00e4uft nur schleppend, weil die Notenbanken eine echte Reinigungskrise verhindern. Die Menschen m\u00fcssen sich um die Zukunft sorgen. Von Stephan Lorz, Frankfurt So richtig schlau werden Konjunkturbeobachter nicht, wenn sie derzeit auf die globalen Stimmungsindikatoren blicken: Optimistische Umfrageergebnisse wechseln sich in Europa, den USA und den Emerging Markets mit entt\u00e4uschenden ab. 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