{"id":289,"date":"2016-01-24T18:00:10","date_gmt":"2016-01-24T17:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/vox-populi.info\/?p=289"},"modified":"2016-01-24T18:00:10","modified_gmt":"2016-01-24T17:00:10","slug":"die-macht-des-finanzkapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vox-populi.info\/?p=289","title":{"rendered":"Die Macht des Finanzkapitalismus"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><strong>Wie Staatsverschuldung und Geldpolitik die Realwirtschaft in die Zange nehmen<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Von Stephan Lorz<\/p>\n<p>Die Debatte trieft vor Verlogenheit: Frankreich, Italien und &#8211; nat\u00fcrlich &#8211; Griechenland haben die B\u00f6sewichte ausgemacht, die ihren fiskalischen Bewegungsradius einschr\u00e4nken und &#8211; nach ihrem Verst\u00e4ndnis &#8211; damit Wohlstand, Wachstum und Fortschritt gef\u00e4hrden. Zum einen die Finanzm\u00e4rkte, weil sie ihnen h\u00f6here Zinsen abkn\u00f6pfen und die Finanzierung der Defizite glatt verweigern (k\u00f6nnen). Deshalb ihre Forderung, die Notenbank h\u00e4tte doch die Pflicht, die Staatsfinanzierung sicherzustellen. Zum anderen die deutsche Bundesregierung, weil diese auf eine Konsolidierung der Staatsfinanzen besteht. Nur durch entsprechendes fiskalisches Wohlverhalten, argumentieren die Deutschen, k\u00f6nnten die von den Finanzm\u00e4rkten kritisch beobachteten L\u00e4nder sich wieder das n\u00f6tige Vertrauen erarbeiten und auf diese Weise wieder mehr fiskalischen Bewegungsspielraum erhalten. Alles Falsch! t\u00f6nt es aus Paris, Rom und Athen. Nur h\u00f6here Staatsausgaben w\u00fcrden h\u00f6heres Wachstum erm\u00f6glichen, was wiederum die Tragf\u00e4higkeit und Finanzierung der Staatsverschuldung verbessert und sicherstellt. Austerit\u00e4tspolitik wird als Ursprung aller Not dargestellt &#8211; eine durch und durch verlogene Haltung. Denn es war die \u00fcberh\u00f6hte Verschuldung, welche die sich jetzt \u00fcber &#8222;Austerit\u00e4t&#8220; beklagenden L\u00e4nder erst in ihre unangenehme Situation gebracht haben.<\/p>\n<p>Noch schlimmer: Erst durch ihr eigenes Handeln hatten die Regierungen in Paris, Rom, Athen \u00a0und anderen Staaten die Macht jener Finanzakteure erst konstituiert. Denn mit ihren immer h\u00f6heren Haushaltsdefiziten haben sie sich ja selbst in ein Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis zu den Gl\u00e4ubigern begeben, und zugleich so hohe Kreditvolumina in den Markt gepumpt, die &#8211; zusammen mit der Deregulierung des Finanzsektors &#8211; den Charakter des Kapitalismus nachhaltig ver\u00e4ndert haben. Die Finanzm\u00e4rkte sind aufgrund ihrer neuen Dimension seither nicht mehr Diener der Realwirtschaft, als die sie sich \u00fcber Jahrzehnte verstanden hatten, sondern wurden selbst zur dominierenden Macht. Die niedrigen Zinsen im Euroraum tragen ihrerseits auch noch dazu bei, dass die Macht der Investoren und Gl\u00e4ubiger weiter ausgebaut und zementiert wird: Der Konsolidierungsdruck l\u00e4sst nach, die Notenbanken dr\u00fccken zus\u00e4tzliche Finanzvolumina in den Markt und nehmen mit ihren Anleihek\u00e4ufen den Finanzakteuren das Risiko aus der Hand, was zu dramatischen Fehlallokationen f\u00fchrt und den Regierungen die Verschuldung weiter erleichtert.<\/p>\n<p>Aufgebl\u00e4ht durch das &#8222;Schuldgeld&#8220; ist weltweit eine Art Kredit\u00f6konomie entstanden, die eher auf kurzfristige Rendite abstellt als auf Nachhaltigkeit. In dieser Welt erscheinen Bilanz optimierende Kennzahlen wichtiger als Produkt- und Prozessinnovationen, \u00a0Finanzprodukten wird realwirtschaftlichen G\u00fctern immer der Vorrang einger\u00e4umt. Das schl\u00e4gt sich auch in den Eckdaten der globalen Wirtschaft nieder: Betrug das Handelsvolumen der weltweiten Finanzm\u00e4rkte Anfang der neunziger Jahre noch etwa das 15-Fache der realen Wertsch\u00f6pfung, lag dieser Wert im vorvergangenen Jahr schon bei \u00fcber dem 70-Fachen \u2013trotz Finanzkrise und neuen Regulierungen. Schon das schiere Volumen l\u00e4sst erahnen, das Wirkungen auf die Realwirtschaft nicht ausbleiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung schl\u00e4gt sich auch auf das Finanzverm\u00f6gen nieder, das vor allem von bereits verm\u00f6genden Personen gehalten wird: Hatte es in den USA und Deutschland in den siebziger Jahren noch bei 80% der Nettowertsch\u00f6pfung gelegen, w\u00e4hrend das Realverm\u00f6gen 200% erreichte, kommen jetzt beide auf den 200er Wert. Stephan Schulmeister, \u00d6konom beim \u00f6sterreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut, sieht nicht zuletzt darin den Grund f\u00fcr die zunehmende Ungleichheit: Die Lohnquote sinke, die Kapitalquote steige.<\/p>\n<p>Inwieweit die Unwucht zwischen Realwirtschaft und Finanzwirtschaft tats\u00e4chlich die Ungleichheit erh\u00f6ht, dar\u00fcber streitet sich indes die Wissenschaft.\u00a0Der Kernthese des franz\u00f6sischen \u00d6konomen Thomas Piketty zufolge ist die Kapitalrendite tendenziell immer h\u00f6her als die Realrendite, weshalb Kapitalverm\u00f6gen schneller wachsen und Ungleichheit insofern kein zuf\u00e4lliges, sondern ein notwendiges Merkmal des Kapitalismus sei. Hans-J\u00f6rg Naumer, \u00d6konom bei Allianz Global Investors, kommt von seiner Warte aus zu einem \u00e4hnlichen Schluss: ,,Deutlich mehr als jeder zweite Dollar, der durch das Einkommen generiert wird, flie\u00dft an die Kapitaleigner.\u2018\u2018 Seine Schlussfolgerung aber ist nicht der marxistische Umbau des Kapitalismus, sondern der Aufruf an alle Sparer,mehr auf Produktivkapital zu setzen.<\/p>\n<p>Viele Annahmen Pikettys zur Unterst\u00fctzung seiner These sind recht fragil, die zunehmende Bedeutung von Kapitalverm\u00f6gen ist aber eine Tatsache. Hinzu kommt: Auch die j\u00fcngsten technischen Innovationen bevorzugen eher Investoren und Unternehmer, weil die neuen digitalen Produkte den Faktor Arbeit globalisieren, die Profite aber vorwiegend die Unternehmen selbst und deren Manager einstreichen. Die immer kapitalintensivere Produktion (Roboter) tr\u00e4gt noch mehr zur Schieflage bei, weil selbst gut ausgebildete Fachkr\u00e4fte k\u00fcnftig mit dem Weltmarktpreis von Kapitalinvestitionen konkurrieren.<\/p>\n<p>Wom\u00f6glich wird durch die wachsenden Kapitalvolumina und die zunehmende Ungleichheit auch das Wirtschaftswachstum selbst niedergehalten, wie der \u00d6konom, Larry Summers mit seiner These von der,,s\u00e4kularen Stagnation\u2018\u2018 vermutet. Denn die kaufkr\u00e4ftige Mittelschicht wird ausgezehrt, wie sich bereits in den USA beobachten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Eine Umkehr der Entwicklung ist nicht absehbar. Der Unternehmensberatung McKinsey zufolge nimmt die globale Verschuldung weiter zu. Seit 2013 w\u00e4chst auch das Volumen der Finanztransaktionen wieder schneller als die Realwirtschaft, wie der Pr\u00e4sident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, konstatiert. Er bezweifelt zudem, dass dies jene Allokationsvorteile mit sich bringt, mit denen der Finanzsektor gerne argumentiert, wenn es um h\u00f6here Liquidit\u00e4ten durch immer neue Derivatebenen geht. Die ultralockere Geldpolitik, die durch den j\u00fcngsten Zinsschritt der US-Fed ja noch nicht beendet ist, verst\u00e4rkt die Dynamik noch weiter, weil noch mehr billiges Geld in die M\u00e4rkte dr\u00fcckt, ohne direkt der Realwirtschaft zugute zu kommen.<\/p>\n<p>Die Entwicklung ist also noch nicht beendet, und niemand wei\u00df, wohin sie f\u00fchrt. Hat der Kapitalismus bereits das Stadium der &#8222;\u00dcberakkumulation&#8220; erreicht, das sein Ende herbeif\u00fchren wird, wie der Kommunist Karl Marx vorhersagte? Oder wird sich die Gesellschaft sukzessive vom bisherigen Wirtschaftssystem abwenden, weil es f\u00fcr die Masse der Bev\u00f6lkerung keine Vorteile mehr zu erbringen scheint, wenn nur kleine Gruppen davon profitieren? Oder braut sich nur eine neue gigantische Krise zusammen, die das Blatt v\u00f6llig neu mischt? Wie k\u00f6nnte sich ein neues gesellschaftliches Gleichgewicht herausbilden und aussehen? Jene Intellektuellen aber, von denen man Aufkl\u00e4rung oder zumindest eine Debatte erwartet wie Philosophen, Politologen, Soziologen oder Historiker, sie sind stumm, haben ihren Einsatz verpasst. Selbst in diesen gesellschaftlichen Fragen f\u00fchren \u00d6konomen das gro\u00dfe Wort.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie Staatsverschuldung und Geldpolitik die Realwirtschaft in die Zange nehmen Von Stephan Lorz Die Debatte trieft vor Verlogenheit: Frankreich, Italien und &#8211; nat\u00fcrlich &#8211; Griechenland haben die B\u00f6sewichte ausgemacht, die ihren fiskalischen Bewegungsradius einschr\u00e4nken und &#8211; nach ihrem Verst\u00e4ndnis &#8211; damit Wohlstand, Wachstum und Fortschritt gef\u00e4hrden. 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