{"id":267,"date":"2015-08-14T16:23:50","date_gmt":"2015-08-14T14:23:50","guid":{"rendered":"http:\/\/vox-populi.info\/?p=267"},"modified":"2015-08-14T16:23:50","modified_gmt":"2015-08-14T14:23:50","slug":"oekonomische-wunderheiler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vox-populi.info\/?p=267","title":{"rendered":"\u00d6konomische Wunderheiler"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Wo Sparen als Austerit\u00e4t geschm\u00e4ht\u00a0und\u00a0Reformen als besch\u00e4ftigungsfeindlich abgelehnt werden, helfen auch keine Rettungsprogramme mehr.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wohl kaum ein Begriffspaar ist in gro\u00dfen Teilen der \u00f6ffentlichen Debatte so umstritten wie die in der Euro-Krise verfolgte Konsolidierungs- und Reformstrategie. In Twitter, Facebook und Co. werden dar\u00fcber regelrechte Hasstiraden verfasst. Ersteres wird als sch\u00e4dliche &#8222;Austerit\u00e4t&#8220; geschm\u00e4ht, Letzteres f\u00fcr die Verarmung der unteren Bev\u00f6lkerungsschichten verantwortlich gemacht, weil Jobs verloren gehen und Sozialleistungen gek\u00fcrzt werden. Sparen und Reformieren gelten als vulg\u00e4re Abk\u00f6mmlinge der vor allem von deutschen Wirtschaftswissenschaftlern hochgehaltenen Ordnungspolitik. Selbst Spitzen\u00f6konomen wie die Nobelpreistr\u00e4ger Paul Krugman oder Joseph E. Stiglitz, so bekannte Gr\u00f6\u00dfen wie Jeffrey D. Sachs oder der gefeierte franz\u00f6sische Pop-\u00d6konom Thomas Piketty geben der Austerit\u00e4ts- und Reformpolitik die Hauptschuld am Niedergang Griechenlands. Man h\u00e4lt sie sogar f\u00fcr ein machtpolitisches Vehikel, um Athen zu dem\u00fctigen, oder gei\u00dfelt sie schlicht als &#8222;\u00f6konomische Alchemie&#8220;. Ihnen zufolge gibt es n\u00e4mlich bessere Alternativen. Hat die Euro-Rettungspolitik also bewusst ein Wundermittel verschm\u00e4ht?<\/p>\n<p>Statt Sparen w\u00e4ren Mehrausgaben angesagt gewesen, und im Fall eines pleitebedrohten Staates wie Griechenland h\u00e4tte man Athen einfach frisches Geld zuschie\u00dfen m\u00fcssen, hei\u00dft es. Weil die Mittel f\u00fcr Investitionen und Konsum verwendet worden w\u00e4ren, was weitere private Ausgaben nach sich gezogen h\u00e4tte, so das Kalk\u00fcl, w\u00e4ren Rezession und Deflation vermieden worden, die Wirtschaft w\u00e4re wieder gewachsen, die Steuern gestiegen. Die Mehrausgaben h\u00e4tten sich also von selbst bezahlt gemacht &#8211; und als Nebeneffekt h\u00e4tte sich sogar wieder die Schuldentragf\u00e4higkeit eingestellt.<\/p>\n<p>Ein realistisches Szenario? Wohl eher eine Utopie! Vor\u00fcbergehende fiskalische Ma\u00dfnahmen helfen vielleicht, das kurzfristige interne Wachstum aufrechtzuerhalten. Aber sie bieten keine L\u00f6sung gegen strukturelle Probleme wie fehlender Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Vor allem unterschlagen die &#8222;alternativen&#8220; \u00d6konomen die einhergehenden Moral-Hazard-Probleme: Regierungen vergessen in der Regel, die Ausgaben in besseren Zeiten wieder zur\u00fcckzufahren, und erliegen der Versuchung, die n\u00f6tigen Reformen erneut aufzuschieben. Die Geldschwemme verdeckt n\u00e4mlich die Probleme. Und kommt die Hilfe gar vom reichen Onkel von nebenan, oder via Euroland-Bonds aus einem gemeinschaftlichen Topf, ist es mit der Selbstdisziplin sofort vorbei. Allen Schuldnern unterstellen die \u00f6konomischen Wunderheiler zudem eiserne Verl\u00e4sslichkeit, selbst wenn dies in der Vergangenheit nicht der Fall war &#8211; ein ob seiner Vertrauensseligkeit recht naives Gedankengeb\u00e4ude. Die strukturellen Probleme w\u00fcrden fortbestehen und bald wieder hervorbrechen, das Wachstum durch starre Arbeitsm\u00e4rkte, Produktmarktmonopole und die Macht der Oligarchen wieder erstickt; und das zuflie\u00dfende Geld landet in den falschen Taschen.<\/p>\n<p>Gerade Griechenland hat gezeigt, dass selbst mit der Formel &#8222;Geld gegen Reformen&#8220; Letztere kaum durchzusetzen sind gegen den einhelligen Widerstand von Politik, Interessenvertretern und Gesellschaft. Dabei sind Reformen der Steuerb\u00fcrokratie, der Arbeitsm\u00e4rkte, der Pensionen, des Justizwesens und der Tarifpolitik \u00fcberf\u00e4llig. Zumal viele der versprochenen Reformen gar nicht stattfanden, weil sie Ministerialb\u00fcrokratie, Verwaltung und Justiz verw\u00e4ssert, verdreht oder verschleppt haben. Die damit provozierte Erfolglosigkeit muss nun als Beweis f\u00fcr die wachstumst\u00f6tende Wirkung von Strukturreformen herhalten. Dabei ist es gerade die stete Neuausrichtung und Umstrukturierung einer Volkswirtschaft, die sch\u00f6pferische Zerst\u00f6rung der alten Ordnung, welche daf\u00fcr sorgt, dass sich Staaten modernisieren und damit den Wohlstand ihrer B\u00fcrger sichern und mehren.<\/p>\n<p>Letztendlich kommt es also immer darauf an, dass Reformen von den B\u00fcrgern selber herbeigesehnt werden. Das ist weder in Athen der Fall, wo man es sich in den klientelistischen Strukturen eingerichtet hat, noch in Paris und Rom. In allen drei F\u00e4llen wird mysteri\u00f6sen externen Kr\u00e4ften die Schuld am beklagenswerten Zustand der eigenen Wirtschaft zugeschoben &#8211; wechselweise den b\u00f6sen Finanzm\u00e4rkten oder dem deutschen Finanzzuchtmeister. Solange aber andere M\u00e4chte oder Strukturen f\u00fcr die eigene Erfolglosigkeit verantwortlich gemacht werden, wird es nicht zu Reformen kommen. Und es ist zweifelhaft, dass die n\u00f6tige Selbsterkenntnis noch rechtzeitig einkehren wird, damit die Eurozone endlich aus dem Krisenmodus herauskommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo Sparen als Austerit\u00e4t geschm\u00e4ht\u00a0und\u00a0Reformen als besch\u00e4ftigungsfeindlich abgelehnt werden, helfen auch keine Rettungsprogramme mehr. Wohl kaum ein Begriffspaar ist in gro\u00dfen Teilen der \u00f6ffentlichen Debatte so umstritten wie die in der Euro-Krise verfolgte Konsolidierungs- und Reformstrategie. In Twitter, Facebook und Co. werden dar\u00fcber regelrechte Hasstiraden verfasst. 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