{"id":257,"date":"2015-07-26T19:12:51","date_gmt":"2015-07-26T17:12:51","guid":{"rendered":"http:\/\/vox-populi.info\/?p=257"},"modified":"2015-07-26T19:12:51","modified_gmt":"2015-07-26T17:12:51","slug":"stoerendes-element-oekonomischer-hybris-das-bargeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vox-populi.info\/?p=257","title":{"rendered":"St\u00f6rendes Element \u00f6konomischer Hybris: das Bargeld"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Weil sich die monet\u00e4re Realit\u00e4t nicht so entwickelt, wie es manche \u00d6konomen gerne h\u00e4tten, wollen sie jetzt das Bargeld abschaffen. Der Konsument soll der Geldpolitik zum Untertan gemacht werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Was nicht passt, wird passend gemacht. Der oft geh\u00f6rte Handwerkerspruch, der ein etwas rustikales Vorgehen bei Reparaturen umschreibt, trifft oft auch auf \u00d6konomen zu. Denn auch hier gilt: Wenn das Theoriegebilde nicht mehr der Wirklichkeit entspricht, wird Letztere eben daf\u00fcr hingebogen. Dieser Eindruck dr\u00e4ngt sich auf, wenn man sich die aktuelle geldpolitische Debatte vor Augen f\u00fchrt. Der von den Notenbanken beeinflusste Realzins hat die Nulllinie unterschritten, und dabei zeigt sich, dass das vorhandene geldpolitische Instrumentarium nicht mehr richtig greift. Trotz Strafzinsen aufs Sparen steigen Investitionen und Konsum nur qu\u00e4lend langsam. Und bei einem noch weiteren Vorsto\u00df ins Negative, von dem dann wohl auch die Normalb\u00fcrger betroffen w\u00e4ren, werden Ausweichreaktionen bef\u00fcrchtet: in zinsunabh\u00e4ngige Verm\u00f6gensanlagen &#8211; und Bargeld.<\/p>\n<p>Vor allem Letzteres scheint manchem \u00d6konomen ein Dorn im Auge, weil es die Wirkung der Negativzinsen weiter d\u00e4mpft. Bargeld gewinnt in einem deflation\u00e4ren Umfeld n\u00e4mlich an Wert, w\u00e4hrend auf Kontoguthaben eine Art Sparsteuer erhoben wird. In der Schweiz wurde bereits eine Pensionskasse gehindert, einen Teil ihres Rentengeldes bar in einem externen Tresor zu lagern.<br \/>\nAber auch unabh\u00e4ngig davon gibt es schon l\u00e4nger Beschr\u00e4nkungen f\u00fcr Bargeld &#8211; und das, obwohl Euro-Noten als &#8222;gesetzliches Zahlungsmittel&#8220; eine besondere Stellung genie\u00dfen. In Italien ist der H\u00f6chstbetrag f\u00fcr Barzahlungen auf 999,99 Euro gedeckelt, Frankreich wird nachziehen. Und in D\u00e4nemark will man bald auf Bares ganz verzichten. Ab 2017 werden keine neuen Banknoten mehr gedruckt.<\/p>\n<p>Schon l\u00e4nger nimmt die Bedeutung des Bargelds ab. Unbestritten sind die vielen Vorz\u00fcge des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Gro\u00dfe Teile der Wirtschaft funktionieren nur noch auf dieser Basis. Bereits heute gilt jeder, der gleich mehrere 500-Euro-Scheine auf den Tresen legt zur Bezahlung etwa von Schmuck als potenziell kriminell. Und wenn die digitalen Bezahldienste wie Paypal, Apple-Pay und andere weiter verbreitet sind, wird das Bargeld weiter schwinden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/vox-populi.info\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Zahlungsmittel-2014.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-259\" src=\"https:\/\/vox-populi.info\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Zahlungsmittel-2014-300x219.png\" alt=\"Zahlungsmittel 2014\" width=\"300\" height=\"219\" srcset=\"https:\/\/vox-populi.info\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Zahlungsmittel-2014-300x219.png 300w, https:\/\/vox-populi.info\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Zahlungsmittel-2014-690x505.png 690w, https:\/\/vox-populi.info\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Zahlungsmittel-2014.png 938w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Die Bargeldkritiker f\u00fchren aber noch eine ganze Reihe weiterer Gr\u00fcnde f\u00fcr eine Abschaffung an: die hohen Kosten f\u00fcr das Bargeldhandling w\u00fcrden entfallen und zugleich viele Spielarten der Kriminalit\u00e4t erschwert. Allerdings zieht das digitale Geld daf\u00fcr andere Formen der Kriminalit\u00e4t auf sich wie Hackerangriffe. Zugleich geht die Anonymit\u00e4t der Konsumenten verloren. Jeder Zahlungsakt ist nachvollziehbar. Das wirft Datenschutzfragen auf und stellt b\u00fcrgerliche Freiheiten infrage. Zudem verlangen die digitalen Anbieter ja auch kr\u00e4ftig Geb\u00fchren f\u00fcr ihre Angebote. Ob das digitale Geld unter dem Strich also wirklich g\u00fcnstiger abschneidet, ist fraglich.<\/p>\n<p>Viel wichtiger erscheinen deshalb die von den Bargeldkritikern angef\u00fchrten (geld-)politischen Argumente. Die \u00d6konomen Kenneth Rogoff, Larry Summers oder auch der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger verweisen ungeniert darauf, dass die Notenbanken zur besseren Wirkung ihrer Politik einen Durchgriff auf Investoren und Konsumenten ben\u00f6tigen. Nur wenn die Negativzinsen konsequent durchgesetzt werden, k\u00f6nnten die Notenbanken ihre Aufgaben erf\u00fcllen. W\u00fcrden Investoren und Konsumenten zum Geldausgeben quasi gezwungen, w\u00fcrde die Konjunktur anspringen und damit die Teuerung wieder in die N\u00e4he des Preisstabilit\u00e4tsziels gehievt.<\/p>\n<p>Doch welches Verst\u00e4ndnis von &#8222;Geldpolitik&#8220; steckt eigentlich hinter solchen Einsch\u00e4tzungen? Der Schweizer Volkswirt Ernst Baltensperger spricht von einer &#8222;Anma\u00dfung der Notenbanken&#8220;, die ein Gef\u00fchl der &#8222;Allzust\u00e4ndigkeit&#8220; um sich verbreiten. Es sei &#8222;befremdlich&#8220;, dass es \u00dcberlegungen gebe, das eigene Geld steuerlich zu belasten oder gar abzuschaffen. Und der deutsche \u00d6konom Thorsten Polleit kritisiert die dabei zum Ausdruck kommende verquere Geisteshaltung: &#8222;Der Negativzins steht f\u00fcr eine irrsinnige Welt und ist mit einer arbeitsteiligen produktiven Wirtschaft nicht vereinbar.&#8220; Der Gegenwartskonsum weite sich auf Kosten des Zukunftskonsums aus. Es komme zum Kapitalverzehr. Sparen und Investieren als Quelle des Wohlstands versiegten.<\/p>\n<p>Statt sich zu bem\u00fchen, mit immer neuen &#8222;innovativen Tools&#8220; das Mandat weiter auszudehnen, sollten die Notenbanken also einfach zugeben, dass sie mit ihrem Latein am Ende sind und nun andere Instanzen wie die Politik am Zuge sind. So machtvolle Institutionen wie die EZB nutzen die Situation aber eher aus, um sich noch mehr Machtbefugnisse einzuverleiben. Bundesbankpr\u00e4sident Jens Weidmann weist stets auf diesen Umstand hin und betont, dass Niedrigzinsen Ausdruck einer tief liegenden Wachstumsschw\u00e4che seien, welche allein die Politik mit ihrem Instrumentarium bek\u00e4mpfen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Irritierend ist, dass Notenbanker und \u00d6konomen in ihrem Streben nach voller \u00f6konomischer Kontrolle sogar bereit sind, gef\u00e4hrliche Nebeneffekte hinzunehmen, worauf in anderem Umfeld viel empfindlicher reagiert worden w\u00e4re. So provoziert eine Abschaffung des Bargelds Ausweichreaktionen in stabile Verm\u00f6genswerte, was die Ungleichheit in der Gesellschaft erh\u00f6ht. Denn Normalverdiener sind nun mal eher auf Zinsertr\u00e4ge angewiesen als Wohlhabende, die ihr Verm\u00f6gen st\u00e4rker in Aktien und Immobilien investiert haben. &#8222;Sozialismus f\u00fcr Reiche&#8220;, nennt das die Investmentlegende Jim Rogers. Von den einhergehenden Fehlallokationen und neuen Krisengefahren ganz abgesehen.<\/p>\n<p>Letztendlich k\u00f6nnte sich die Einschr\u00e4nkung oder Abschaffung des Bargelds aber auch gegen ihre Stichwortgeber richten: Weichen Konsumenten und Investoren n\u00e4mlich auf Ersatzgeld aus wie Gold oder reines Digitalgeld, geht den betroffenen Notenbanken die Seigniorage, der Geldsch\u00f6pfungsgewinn, verloren. Den k\u00f6nnen dann etwa private Bitcoin-Sch\u00fcrfer einstreichen. Auch eine Form der Umverteilung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weil sich die monet\u00e4re Realit\u00e4t nicht so entwickelt, wie es manche \u00d6konomen gerne h\u00e4tten, wollen sie jetzt das Bargeld abschaffen. Der Konsument soll der Geldpolitik zum Untertan gemacht werden. Was nicht passt, wird passend gemacht. Der oft geh\u00f6rte Handwerkerspruch, der ein etwas rustikales Vorgehen bei Reparaturen umschreibt, trifft oft auch auf \u00d6konomen zu. 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