{"id":252,"date":"2015-07-16T21:35:27","date_gmt":"2015-07-16T19:35:27","guid":{"rendered":"http:\/\/vox-populi.info\/?p=252"},"modified":"2015-07-16T21:35:27","modified_gmt":"2015-07-16T19:35:27","slug":"die-eurozone-eine-fussnote-in-der-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vox-populi.info\/?p=252","title":{"rendered":"Die Eurozone &#8211; eine Fu\u00dfnote in der Geschichte?"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>R\u00fcckblick und Ausblick auf die \u00f6konomischen Debatten \u00fcber den suboptimalen W\u00e4hrungsraum in Europa &#8211; Milton Friedman war Skeptiker von Anfang an.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die z\u00e4hen und recht emotional gef\u00fchrten Verhandlungen beim Euro-Gipfel Anfang Juli in Br\u00fcssel \u00fcber das Schicksal Griechenlands haben wieder einmal die Fragilit\u00e4t und Unvollkommenheit der Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion offengelegt. \u00d6konomen halten die im Umgang mit Griechenland und dem Verhalten Athens zutage getretenen Probleme und Verhaltensweisen denn auch nur f\u00fcr ein Symptom eines viel tiefer liegenden Problems. Deutlich zutage getreten ist etwa, wie\u00a0tief gespalten der Euroraum politisch ist. Denn es geht letztlich um den Charakter der W\u00e4hrungsunion, wor\u00fcber gestritten worden ist. Soll sie eine Transferunion darstellen oder doch eher ein regelbasiertes B\u00fcndnis? Au\u00dferdem wurde schmerzlich bewusst, dass es sich bei der Eurozone nicht um einen optimalen W\u00e4hrungsraum handelt, weil es bereits am Mindesten fehlt: neben der Notenbank eine handlungsf\u00e4hige zentrale politische Entscheidungsgewalt. Stattdessen verhandelten die einzelnen Nationalstaaten dar\u00fcber, wie man mit einem Mitglied umgehen soll, das sich nicht an Regeln h\u00e4lt. Nicht das gemeinsame Interesse an einem geeinten Europa hat dabei die Hand gef\u00fchrt, sondern die mehr oder weniger m\u00e4chtigen nationalen Interessen und Vorstellungen einzelner Mitgliedsl\u00e4nder waren entscheidend bei der Kompromisssuche.<\/p>\n<p>Schon lange haben \u00d6konomen davor gewarnt, dass die Eurozone an ihren &#8211; hier wieder zutage getretenen &#8211; inneren Widerspr\u00fcchen scheitern wird. Und deshalb pflegten viele Volkswirte bereits in der Vergangenheit ein eher kritisches Verh\u00e4ltnis zur Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion. Star-\u00d6konom Nouriel Roubini etwa hat immer wieder den &#8222;Niedergang der Eurozone&#8220; prophezeit oder ihr &#8222;letztes Gefecht&#8220; ausgerufen. Der t\u00fcrkische Volkswirt Kemal Dervis sah die Eurozone bereits &#8222;am Abgrund&#8220;. Und Daniel Gros vom Br\u00fcsseler Center for European Policy Studies hat vor den Gefahren gewarnt, dass eine &#8211; wegen ihrer Unzul\u00e4nglichkeiten &#8211; zu technisch und nationalstaatlich ausgerichtete W\u00e4hrungsunion ohne politischen Union nur die Demokratie aushebele.<\/p>\n<p>In verschiedenen Facetten l\u00e4sst sich ihre Argumentation immer auf ein grundlegendes Muster zur\u00fcckf\u00fchren, das \u00d6konomen bereits 1992 kurz nach der Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht vorgegeben haben. In einem &#8222;Manifest&#8220; warnten 62 deutsche Professoren vor einer \u00fcberhasteten und fehlerhaften Einf\u00fchrung einer Gemeinschaftsw\u00e4hrung. W\u00fcrden die Wirtschaftsstrukturen nicht zuvor angeglichen, w\u00fcrde dies die westeurop\u00e4ischen Staaten so starken \u00f6konomischen Spannungen aussetzen, dass diese in absehbarer Zeit zu einer politischen Zerrei\u00dfprobe f\u00fchren und damit das Integrationsziel gef\u00e4hrden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Im August 1997 schlug der Nobelpreistr\u00e4ger Milton Friedman in die gleiche Kerbe mit einer Denkschrift unter dem Titel &#8222;The Euro: Monetary Unity to Political Disunity?&#8220;. Frei \u00fcbersetzt: Ist der Euro eine Art politischer Spaltpilz? Es scheint so, wenn man sich die Vorw\u00fcrfe der Einzelstaaten und die Diskussionskultur am vergangenen Wochenende (beim Gipfel selbst und in den Medien) vor Augen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Friedman verglich damals die USA mit der Eurozone und betonte, dass es Letzterer schon an der gleichen Sprache, der n\u00f6tigen Jobmobilit\u00e4t, einer gemeinsamen Identit\u00e4t und vor allem an einer zentralen Instanz mit Durchgriffsrechten fehle. Dieser Mangel werde noch verschlimmert, weil die Eurozone im Gegensatz zu den USA auch einen rigideren Arbeitsmarkt und ein recht starres Lohngef\u00fcge aufweise. Alles Entwicklungen, so Friedman, die geradezu nach einem W\u00e4hrungspuffer rufen w\u00fcrden. Daher werde der Euro gerade nicht den erhofften Effekt haben, Deutschland und Frankreich so stark miteinander zu verbinden, dass ein Krieg in Europa k\u00fcnftig undenkbar erscheine. Vielmehr werde das Gegenteil eintreten, prophezeite er: &#8222;Die politischen Spannungen w\u00fcrden verschlimmert, weil \u00f6konomische Schocks unterschiedlich verarbeitet und nicht mehr durch den Wechselkurs abgefedert werden.&#8220; Friedmans Urteil: &#8222;Politische Einigkeit kann zwar den Weg f\u00fcr eine W\u00e4hrungsunion freimachen. Eine W\u00e4hrungsunion aber, die unter ung\u00fcnstigen Umst\u00e4nden entstanden ist, wird den Weg zu einer politischen Union eher versperren.&#8220;<\/p>\n<p>Im Herbst 2013, als die Krise in der Eurozone bereits viele Spannungsspitzen erlebt und viele Euro-Sondergipfel hinter sich hatte, aber niemand wusste, ob sie nun am Abflauen ist oder nur neue Kraft sch\u00f6pft, gab es zwei Initiativen, welche vorschlugen, die Europ\u00e4ische W\u00e4hrungsunion auf eine neue &#8211; stabilere &#8211; Grundlage zu stellen. Eine unparteiische Gruppe deutscher \u00d6konomen, Rechtsanw\u00e4lte und Politikwissenschaftler um Henrik Enderlein, Marcel Fratzscher und Clemens Fuest, die Glienecker Gruppe, kn\u00fcpfte das \u00dcberleben der Eurozone an eine politische Union mit einem gemeinsamen Haushalt. Schlie\u00dflich brauche eine monet\u00e4re Union einen Transfermechanismus, um die Folgen schwerer konjunktureller Einbr\u00fcche abzumildern, und obendrein eine legitime Regierung, damit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit jederzeit und in allen L\u00e4ndern gew\u00e4hrleistet werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Dagegen hielt der ehemalige Mitarbeiter des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) Ashoka Mody die Etablierung einer politischen Union f\u00fcr unwahrscheinlich, weshalb er riet, sich wieder auf den Grundsatz des No-Bail-out zur\u00fcckzuziehen &#8211; erg\u00e4nzt um eine Insolvenzordnung f\u00fcr Staaten. Sobald Staaten budgetm\u00e4\u00dfig \u00fcber die Str\u00e4nge schl\u00fcgen, w\u00fcrden sie von den M\u00e4rkten sanktioniert. Insofern w\u00fcrden sich die Banken schon darauf einstellen, nicht mehr auf &#8222;sichere&#8220; Staatsanleihen setzen zu k\u00f6nnen. Die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass M\u00e4rkte nicht immer zeitnah reagieren, so dass Staaten Gelegenheit haben, die Konsequenzen daraus zu ziehen. Die Halbwertszeit der Eurozone d\u00fcrfte vor diesem Hintergrund eher in Jahren als Jahrzehnten zu messen sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>R\u00fcckblick und Ausblick auf die \u00f6konomischen Debatten \u00fcber den suboptimalen W\u00e4hrungsraum in Europa &#8211; Milton Friedman war Skeptiker von Anfang an. 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