{"id":242,"date":"2015-06-27T14:09:41","date_gmt":"2015-06-27T12:09:41","guid":{"rendered":"http:\/\/vox-populi.info\/?p=242"},"modified":"2015-06-27T14:09:41","modified_gmt":"2015-06-27T12:09:41","slug":"abgesang-auf-die-eurozone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vox-populi.info\/?p=242","title":{"rendered":"Abgesang auf die Eurozone"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>25 Jahre deutsch-deutsche W\u00e4hrungsunion \u2013 und die Lehren f\u00fcr die Eurozone, wo derzeit Nationalismus und gegenseitiges Misstrauen die Zukunft verdunkeln.<\/p><\/blockquote>\n<p>Von Stephan Lorz<\/p>\n<p>Wie sich die Bilder gleichen! 1. Juli 1990: Warteschlangen vor den Banken, Menschen fallen sich in die Arme, winken den Geldtransportern vom Stra\u00dfenrand aus zu, jubeln in die Fernsehkameras. Die D-Mark kommt in die DDR. 1. Januar 2002: Europaflaggen \u00fcber der Akropolis, Menschen tanzen auf den \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen, Griechenland bekommt doch noch den Euro. Die Drachme ist schnell vergessen, der neuen W\u00e4hrung wird gehuldigt.<\/p>\n<p>Und heute? Die W\u00e4hrungsunion in Deutschland war letztlich ein Erfolg. Kaum jemand zweifelt noch daran, dass es die richtige Entscheidung war, auf dem Weg zur deutschen Einheit zun\u00e4chst ein gemeinsames Geld einzuf\u00fchren. Die D-Mark hat nicht sogleich \u201ebl\u00fchende Landschaften\u201c hervorgebracht, doch leiteten die starke W\u00e4hrung und die Milliardenhilfe im Rahmen des \u201eAufbaus Ost\u201c nach einer Phase hoher Arbeitslosigkeit eine Reindustrialisierung in den neuen Bundesl\u00e4ndern ein, um die Deutschland im Ausland mittlerweile beneidet wird. Die verbliebenen und die neuen Unternehmen im Osten sind inzwischen weltweit wettbewerbsf\u00e4hig, wenngleich das Produktivit\u00e4ts- und Einkommensniveau noch nicht ganz Weststandard erreicht hat. Der Sozialismus hatte die damalige DDR viel st\u00e4rker ausbluten lassen, als \u00d6konomen und Politiker seinerzeit wahrgenommen hatten. Ein Warnzeichen f\u00fcr alle derartigen Experimente heute.<\/p>\n<p>Was die Europ\u00e4ische W\u00e4hrungsunion anbelangt, so sind die Erfahrungen gemischt. Zwar ist der W\u00e4hrungsraum weltweit attraktiv, weil er eine hohe Wirtschaftskraft in die Waagschale werfen kann, doch haben unverantwortliches politisches Verhalten und der falsche Einstiegskurs in einigen Volkswirtschaften ein konjunkturelles Strohfeuer entz\u00fcndet, das wenige Jahre sp\u00e4ter die Eurozone in eine tiefe Krise st\u00fcrzte. Ganze Staaten mussten gerettet werden und hatten sich einem strikten Reformprogramm zu unterziehen. Die damit einhergehende Arbeitslosigkeit erreichte so be\u00e4ngstigende Ausma\u00dfe, dass vereinzelt sogar das kapitalistische Wirtschaftssystem infrage gestellt worden ist. Das gilt vor allem in Griechenland, wo die staatlichen Strukturen und politischen Verhaltensmuster nicht einmal ann\u00e4hernd einer modernen Volkswirtschaft entsprechen und die Zerw\u00fcrfnisse daher besonders gro\u00df sind.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur deutsch-deutschen W\u00e4hrungsunion, wo vor 25 Jahren ebenfalls zun\u00e4chst die wirtschaftlich-pekuni\u00e4re Einheit vollzogen wurde, ehe es zur politischen Einheit kam, ist die Europ\u00e4ische W\u00e4hrungsunion in der ersten Phase steckengeblieben. W\u00e4hrend in Deutschland zentrale Institutionen das Sagen haben, fehlen der Eurozone gerade solche klaren Strukturen: Die Geldpolitik wurde vergemeinschaftet, die Finanzpolitik aber blieb in der Entscheidungshoheit der Mitgliedstaaten. Das f\u00fchrt zu einer verst\u00e4rkten Verschuldungsneigung bei den Staaten, weil sich die damit einhergehenden Kosten in einer W\u00e4hrungsunion teilweise auf andere L\u00e4nder \u00fcberw\u00e4lzen lassen \u2013 was f\u00fcr gro\u00dfen Missmut sorgt.<\/p>\n<p>An einer Vervollst\u00e4ndigung der Eurozone durch eine politische Union ist vor diesem Hintergrund gegenw\u00e4rtig gar nicht zu denken. Der Streit um den L\u00e4nderfinanzausgleich in Deutschland zeigt, wie schwer es schon in einem Nationalstaat ist, die Interessen auf einen Nenner zu bringen. Wie viel schwieriger ist es dann in einem losen Staatenbund, in dem das Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl der Menschen nicht so stark ausgepr\u00e4gt oder gar nicht vorhanden ist? Der politische Umgang mit der Euro-Krise und der verstetigte Regelbruch haben das Misstrauen der B\u00fcrger zudem noch verst\u00e4rkt. Der Nationalismus nimmt zu, was jeden weiteren Integrationsschritt erschwert.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die D-Mark die beiden deutschen Staaten weiter zusammengeschwei\u00dft hat, fungiert der Euro derzeit also eher als Spaltpilz. Dabei war das Projekt von der Politik einst ausersehen, Europa zu einen und eine politische Union vorzubereiten. Es erscheint heute aber unwahrscheinlicher denn je, dass die Nationalstaaten zu weiterem Souver\u00e4nit\u00e4tsverzicht bereit w\u00e4ren, um etwa einen Euro-Finanzminister mit Durchgriffsrechten auszustatten. Die Eurozone wird deshalb immer fragiler. Zwar gab es auch bei der deutsch-deutschen W\u00e4hrungsunion Momente der Verunsicherung. Letztendlich aber war sie ein Selbstl\u00e4ufer. In Europa indes w\u00e4re schon ein politischer Kraftakt n\u00f6tig, um das Blatt noch zu wenden. Vielleicht haben die desastr\u00f6s verlaufenen Verhandlungen mit Griechenland den beteiligten Personen noch einmal vor Augen gef\u00fchrt, wie d\u00fcnn das Eis eigentlich ist, auf dem die Eurozone steht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>25 Jahre deutsch-deutsche W\u00e4hrungsunion \u2013 und die Lehren f\u00fcr die Eurozone, wo derzeit Nationalismus und gegenseitiges Misstrauen die Zukunft verdunkeln. Von Stephan Lorz Wie sich die Bilder gleichen! 1. Juli 1990: Warteschlangen vor den Banken, Menschen fallen sich in die Arme, winken den Geldtransportern vom Stra\u00dfenrand aus zu, jubeln in die Fernsehkameras. 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