{"id":203,"date":"2015-04-25T18:00:08","date_gmt":"2015-04-25T16:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/vox-populi.info\/?p=203"},"modified":"2015-04-25T18:00:08","modified_gmt":"2015-04-25T16:00:08","slug":"die-soziale-frage-des-21-jahrhunderts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vox-populi.info\/?p=203","title":{"rendered":"Die Soziale Frage des 21. Jahrhunderts"},"content":{"rendered":"<p>In den Fabrikhallen agieren die Roboter immer h\u00e4ufiger nicht mehr in K\u00e4figen, sondern als blecherner Kollege nebenan im Direktkontakt mit dem &#8222;Humankapital&#8220;. Programmierte R\u00fccksichtnahme und eine bessere Sensorik machen das m\u00f6glich. Sie gehen den Menschen zur Hand. Manchmal bestimmen sie auch den Takt. Die Daten landen dabei in einer Datenwolke. Dort findet sich dann das Erfahrungswissen der Ingenieure und Produktionsarbeiter wieder, sogar ihre St\u00e4rken und Schw\u00e4chen sowie die Vorlieben einzelner Kollegen sind dort niedergelegt, was k\u00fcnftiges Handeln berechenbar macht.<\/p>\n<p>Auch au\u00dferhalb der Produktion gibt es immer neue Anwendungsfelder f\u00fcr die Rechenknechte vom Vertrieb bis hin zum Kundenservice. Algorithmen bestimmen mehr und mehr die Arbeitswelt &#8211; aber auch die Freizeit. Sie regeln die h\u00e4usliche Heizung, rufen den Arzt an, wenn der Puls unregelm\u00e4\u00dfig wird. Das Internet der Dinge nimmt Gestalt an. Studien sagen voraus, dass in wenigen Jahrzehnten die H\u00e4lfte aller Berufe automatisiert &#8211; also: verschwunden &#8211; sein wird. Doch sind diesmal nicht mehr nur die einfachen T\u00e4tigkeiten betroffen wie zu Zeiten der ersten Automatisierungswelle, sondern Jobs aus der Mitte der Gesellschaft: die der Fach- und Geistesarbeiter.<\/p>\n<p>Ob die Entwicklung zu einer neuen Welle der Massenarbeitslosigkeit f\u00fchrt oder die menschliche Arbeit vielmehr &#8222;humaner&#8220; macht, ob die pekuni\u00e4re Ungleichheit in der Gesellschaft dadurch weiter bef\u00f6rdert oder eher eingeebnet wird oder ob die Sozialsysteme f\u00fcr diesen Wandel gewappnet sind oder der Staat einspringen muss &#8211; das ist inzwischen nicht mehr nur eine Debatte in elit\u00e4ren Zirkeln, sondern besch\u00e4ftigt immer mehr auch die Politik und die Tarifparteien wie am Dienstagabend bei einer Podiumsdiskussion der Rhein-Main-Runde im Haus der IG Metall.<\/p>\n<p>Alles, was routiniert-buchhalterisch abl\u00e4uft, wird verschwinden, prophezeite der M\u00fcnchner Wissenschaftsphilosoph Klaus Mainzer. Und je mehr Daten produziert w\u00fcrden und je weiter die Programmierer in Neuland vorstie\u00dfen, desto mehr Ansatzpunkte f\u00e4nden Algorithmen, um aus der amorphen Datenmasse Datenmuster und Korrelationen herauszufiltern f\u00fcr den Ersatz menschlicher T\u00e4tigkeit. Automatisierungsfest, so Frank Rieger vom Chaos Computer Club, d\u00fcrften allenfalls die Berufe Manager, Programmierer und Konstrukteure sein, also die bestimmenden und kreativen T\u00e4tigkeiten. Selbst Erfahrungswissen, das bisher gerade l\u00e4ngerfristig Besch\u00e4ftigte auszeichnet, sei inzwischen digitalisiert und damit mobil geworden. Der menschliche Faktor wird in immer weiteren Teilen austauschbar, was auch die Machtposition der Arbeitgeber auf dem Arbeitsmarkt verfestigen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Digitales Prekariat<\/p>\n<p>Rieger geht davon aus, dass zudem eine Entkoppelung der Produktivit\u00e4tsentwicklung von der menschlichen Arbeit stattfindet. Ein immer gr\u00f6\u00dferer Teil der Wertsch\u00f6pfung werde vom &#8222;Kapital&#8220; erzeugt und damit auch als Ertrag vereinnahmt. Das dr\u00fccke die L\u00f6hne, was die Finanzierung der Sozialsysteme immer schwieriger mache, je gr\u00f6\u00dfer das &#8222;digitale Prekariat&#8220; werde und je weniger vollwertige Arbeitspl\u00e4tze angeboten w\u00fcrden. Die Jobs w\u00fcrden ferner dem jeweils g\u00fcnstigsten Anbietern rund um den Globus zugeschlagen. Die Billiglohnkonkurrenz tritt damit in eine neue Dimension ein.<\/p>\n<p>Nach Ansicht der Gewerkschaften sollten die Fr\u00fcchte dieser Automatisierung aber nicht allein beim Kapital verbleiben, sondern verteilt werden. Auch die sozialen Sicherungssysteme, verlangte etwa der Vize-Chef der IG Metall J\u00f6rg Hofmann, sollten von der Digitalisierungsdividende profitieren. Die Gestaltung der Arbeitswelt sei schlie\u00dflich eine &#8222;gesamtgesellschaftliche Aufgabe&#8220;. Stolz berichtete er vom Erfolg der vergangenen Tarifrunde, als die IG Metall den Einstieg in die tarifliche Bildungsteilzeit vereinbaren konnte.<\/p>\n<p>Vorteil Demografie?<\/p>\n<p>Wom\u00f6glich aber ist Deutschland in den n\u00e4chsten Jahren sogar froh, wenn die Digitalisierung gro\u00dfe Fortschritte macht. Grund daf\u00fcr ist die demografische Entwicklung, die einen immer gr\u00f6\u00dferen Facharbeitermangel hervorruft. &#8222;Kollege Roboter&#8220; oder &#8222;Kollege Computer&#8220; k\u00f6nnten einspringen und zugleich die Produktivit\u00e4t des menschlichen Mitarbeiters drastisch in die H\u00f6he schrauben. Insofern k\u00f6nnte Deutschland im Hinblick auf die Digitalisierung der Arbeitswelt sogar seine Standortattraktivit\u00e4t steigern &#8211; ohne dass der Staat mit den sozialpolitischen Kosten (mehr Arbeitslosigkeit) konfrontiert w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Findet sich indes keine L\u00f6sung bei der Verteilung der digitalen Dividende, nimmt die Gefahr gesellschaftlicher Unruhen zu. Denn politischen Umw\u00e4lzungen gingen in der Vergangenheit stets technische Revolutionen voraus, weil sie in Teilen der Bev\u00f6lkerung Massenarmut und Arbeitslosigkeit mit sich brachten: Die Manufakturen waren die Vorl\u00e4ufer der Franz\u00f6sischen Revolution, und die Industrialisierung brachte die sozialistischen Bewegungen hervor. An einer f\u00fcr alle Schichten als einigerma\u00dfen &#8222;gerecht&#8220; empfundenen L\u00f6sung d\u00fcrften daher auch alle politischen und wirtschaftlichen Akteure durchaus ein Interesse haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Fabrikhallen agieren die Roboter immer h\u00e4ufiger nicht mehr in K\u00e4figen, sondern als blecherner Kollege nebenan im Direktkontakt mit dem &#8222;Humankapital&#8220;. Programmierte R\u00fccksichtnahme und eine bessere Sensorik machen das m\u00f6glich. Sie gehen den Menschen zur Hand. Manchmal bestimmen sie auch den Takt. Die Daten landen dabei in einer Datenwolke. 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