{"id":187,"date":"2015-03-18T13:41:47","date_gmt":"2015-03-18T12:41:47","guid":{"rendered":"http:\/\/vox-populi.info\/?p=187"},"modified":"2015-03-18T13:43:22","modified_gmt":"2015-03-18T12:43:22","slug":"digitale-freiheitsberaubung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vox-populi.info\/?p=187","title":{"rendered":"Digitale Freiheitsberaubung"},"content":{"rendered":"<p>Von Stephan Lorz<\/p>\n<p>Die Freiheitsberaubung durch das Internet kommt schleichend daher. Nur wenige Nutzer in den digitalen Gefilden bemerken diesen Angriff auf unsere Selbstbestimmung, weil es sich dabei um eine besondere Form eines Computervirus handelt, das wir uns bei unseren Streifz\u00fcgen mit dem Rechner, dem Tablet oder dem Smartphone einhandeln. Gemeint ist nicht einer dieser programmierten Qu\u00e4lgeister, die Festplatten l\u00f6schen, Rechner hijacken und f\u00fcr die \u201eFreilassung\u201c L\u00f6segeld verlangen, oder pers\u00f6nliche Daten stehlen, um mit fremden Kreditkarten auf Shoppingtour zu gehen. Sondern es ist ein Psycho-Virus, das die Schw\u00e4chen unserer intellektuellen Immunabwehr ausnutzt: die Bequemlichkeit und die Schn\u00e4ppchenj\u00e4gerinstinkte. Beides setzt oft die Vernunft und das kritische Denken au\u00dfer Kraft.<\/p>\n<p>Was steckt dahinter? Algorithmen lenken immer unverhohlener unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Produkte und Nachrichten, kommen mit dem Versprechen von Authentizit\u00e4t, Objektivit\u00e4t und individuellem Zuschnitt daher. Das freut die meisten Nutzer, weil sich ihre Interessen durchaus decken mit den Vorschl\u00e4gen von Amazon, Facebook, Google und vergleichbaren Unternehmen in den Weiten des Internet. Dass daf\u00fcr unser Suchverhalten, unser digitales und analoges Leben ausspioniert und miteinander in den Big-Data-Clouds verkn\u00fcpft werden, nehmen die meisten dabei sogar in Kauf, weil es ja bequem ist: Der Internet-Browser ist an allen Rechnern identisch konfiguriert, man findet sich sofort zurecht. \u00dcberall sind meine Daten, meine Musik, meine Fotos und meine Freunde sowie Kontakte greifbar, weil sie in der Cloud gespeichert und verkn\u00fcpft sind. Und selbst meinen Warenkorb kann ich \u00fcberall mit hinnehmen.<\/p>\n<p>Der Mechanismus funktioniert in abgewandelter Form auch f\u00fcr Angebote wie Uber oder AirBnB, die &#8222;Mitfahrgelegenheiten&#8220; und &#8222;Ferienwohnungen&#8220; bzw. Schlafst\u00e4tten vermitteln. Wegen ein paar g\u00fcnstigerer Taxifahrten etwa wird hingenommen, dass das Steuer- und Sozialversicherungssystem ausgehebelt wird und sich neue Risiken auftun, die Profite aber weitgehend beim Vermittlungsunternehmen im Ausland landen. M\u00e4rkte w\u00fcrden lediglich von alten Z\u00f6pfen befreit und viel effizienter ausgestaltet, hei\u00dft es. Alles werde bequemer \u2013 ein Klick gen\u00fcge. Zwar verl\u00f6ren ein paar Taxifahrer und Hotelangestellte ihre Jobs, daf\u00fcr aber k\u00f6nne alles billiger angeboten werden. Der Kunde ist K\u00f6nig, gibt daf\u00fcr aber dar\u00fcber hinaus seine Anonymit\u00e4t preis, wie j\u00fcngst bei der Auswertung von Daten zu One-Night-Stands offengelegt worden ist. Das l\u00e4sst sich prima auswerten.<\/p>\n<p>Auch in der \u201eIndustrie 4.0\u201c werden digitale Sch\u00e4tze gehoben, wenn es etwa um jene Daten geht, die eine Heizungsanlage sammelt, die moderne Autos beim Fahren produzieren oder die eine Smartwatch bzw. ein Fitnessarmband weitermeldet. Versicherungen, Arbeitgeber und Datensammelstellen von Konsumunternehmen sind schon ganz scharf auf diese neuen Sch\u00fcrfm\u00f6glichkeiten, die es gilt auszuwerten und mit bestehenden Informationen zu verkn\u00fcpfen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Menschen wird das Leben gef\u00fchlt tats\u00e4chlich leichter, weil der \u201edigitale Butler\u201c in der Uhr oder im vernetzten Heim aus den gesammelten Informationen der Vergangenheit l\u00e4ngst err\u00e4t, was der Kunde (Proband, Abh\u00e4ngige) will, wonach er sich sehnt. Hat er seine Kreditkarte hinterlegt, kann auch gleich der zur Befriedung der Bed\u00fcrfnisse notwendige Kauf von Nahrungsmitteln, Filmen oder Gadgets exekutiert werden.<\/p>\n<p>Was die meisten aber nicht wissen und nur wenige ahnen: Die anonyme Auswertung unserer Daten f\u00fchrt zu einer Uniformit\u00e4t und Ausbeutung, die in keinem Verh\u00e4ltnis zu der damit gewonnenen Bequemlichkeit mehr steht. Ausgehend von den in den Daten werden die Menschen durch sanften Druck \u2013 \u00d6konomen sprechen vom Nudging \u2013 zu schablonenhaften Verhaltensweisen \u201eerzogen\u201c, was ihnen aber zun\u00e4chst gar nicht auff\u00e4llt, weil es sukzessive erfolgt und die Abweichung von ihrer eigenen Pr\u00e4gung zun\u00e4chst sehr gering ist. Denn sie finden in den \u201eVorschl\u00e4gen\u201c von Apps und Internet-Marktpl\u00e4tzen ja immer wieder eine Best\u00e4tigung ihrer eigenen W\u00fcnsche. L\u00e4ngst sind sie aber in eine Informationswolke geh\u00fcllt, die bereits eine Auswahl darstellt, gleichwohl aber das Gef\u00fchl vermittelt, dem freien Willen seinen Lauf zu lassen. Nach und nach werden die Kunden dann in Schubladen ablegt, um sie f\u00fcr den Kommerz besser handhabbar und ausnutzbar zu machen. Das Scoring bei Kreditauskunfteien ist hier nur ein Beispiel von vielen. <\/p>\n<p>Wer sich dem entziehen will, oder durch abnormes und \u00fcberraschendes Verhalten auff\u00e4llt, wird aus diesem Raster getilgt oder mit Sanktionen belegt. Wenn sich nur genug Kunden etwa bei Versicherungen f\u00fcr einen g\u00fcnstigeren Tarif einschreiben, der aber die Auswertung von pers\u00f6nlichen Fitnessdaten zur Voraussetzung macht, dreht sich das Machtverh\u00e4ltnis um. Dann werden alle anderen, die das nicht tun wollen, bewusst in deutlich h\u00f6here Tarife eingruppiert \u2013 gewisserma\u00dfen zur Strafe, weil sie dem Unternehmen ihre intimen Daten vorenthalten. Soziale Kontrolle \u00fcber den Geldbeutel. Das hat etwas von einer Diktatur.<\/p>\n<p>Doch damit ist die digitale (Uni-)Formierung der Menschen nicht beendet: Algorithmen sorgen daf\u00fcr, dass das Profitinteresse ihrer Auftraggeber in der Netz\u00f6konomie immer weiter in den Vordergrund r\u00fcckt und immer dreistere Z\u00fcge nimmt. Inzwischen zeigt auch Google (Leitspruch: Don\u2019t be evil!) hier sein wahres Gesicht. Mittlerweile wird Werbung selbst unter die Suchergebnisse von News-Seiten geschmuggelt. Sie kommt schlicht als Neuigkeit daher und formt das Weltbild mit \u2013 im Sinne der Werbetreibenden. Eine Auswertung von Nachrichten in sozialen Netzwerken (FAZ vom 14.3.2015) hat ergeben, dass die Entwicklung bereits weit fortgeschritten ist. Die tats\u00e4chlichen Nachrichten werden verdr\u00e4ngt durch belanglose aber werberelevante Informationsschnipsel.<\/p>\n<p>Immer enger umgeben uns die gro\u00dfen Anbieter im Netz mit eine Weltsicht, die uns eine heile Kommerzwelt vorgaukelt, die nur unser Bestes will, und daf\u00fcr wichtige Informationen vorenth\u00e4lt. Oft kommen sie als treusorgender allgegenw\u00e4rtiger Schatten daher, der uns jeden Wunsch von den Augen abliest. Etwa Amazons Kommerzspion &#8222;Echo&#8220;, das im Wohnzimmer aufgestellt als Lautsprecher fungiert, zugleich aber nebenbei ge\u00e4u\u00dferte Produktw\u00fcnsche automatisch in den Warenkorb des Unternehmens verfrachtet \u2013 ein Klick gen\u00fcgt, und Amazon ist um eine Bestellung reicher. Schlimmer: Die neue \u201eHello Barbie\u201c-Puppe von Mattel spioniert selbst die Kleinsten aus und meldet deren \u00c4u\u00dferungen nicht nur den Eltern, sondern auch kommerziellen Anbietern. Man kann sich leicht ausmalen, wie schnell vom Kind ge\u00e4u\u00dferte W\u00fcnsche etwa nach einem Inline-Skates und anderem von der Werbung ausgeschlachtet und die Eltern damit \u00fcber diverse Kan\u00e4le maltr\u00e4tiert werden bis sie m\u00fcrbe geworden sind.<\/p>\n<p>Mit der in der Geschichte der Menschheit hart erk\u00e4mpften Freiheit ist es unter diesen Umst\u00e4nden dann l\u00e4ngst vorbei, weil die Widerstandskraft einfach nicht ausreicht, sich der st\u00e4ndigen Attacken der Konsumindustrie zu erwehren. \u00dcber die Aussp\u00e4hversuche der amerikanischen NSA oder des Bundesnachrichtendienstes (BND) wird hinl\u00e4nglich und emotional debattiert, weil sie eine Gefahr f\u00fcr die Demokratien dieser Welt darstellten, hei\u00dft es. Doch eine Diskussion \u00fcber die Ausbeutung privater Daten durch Unternehmen und die damit einhergehenden subtilen Mechanismen in der Internet-Kommunikation, die den Freiheitsdrang bet\u00e4uben und die uniformierten Nutzer in einen Kokon aus Bequemlichkeit einh\u00fcllen, dar\u00fcber wird sich allenfalls in elit\u00e4ren Zirkeln ausgetauscht. Es fehlt hier noch an der Sensibilit\u00e4t f\u00fcr dieses Thema \u2013 oder an einem entsprechenden Daten-GAU, der die Problematik allen Menschen bewusst macht.<\/p>\n<p>Wird unsere Freiheit also dahinschmelzen und einer digitalen Gedankenpolizei Platz machen, welche die Menschen dann nicht einmal mehr als einengend empfinden, weil sie schon l\u00e4ngst kompatibel gemacht worden sind f\u00fcr die Herrschaft der Internetkonzerne? Denn wer in der Zukunft nicht die n\u00f6tigen digitalen F\u00e4higkeiten mitbringt, um sich den subtilen Mechanismen zu entziehen, m\u00fcsste schon in die analoge Welt fliehen. Doch dann ist er von dem oft auch beruflich notwendigen Datenstrom abgenabelt. Es ist deshalb auch eine Frage f\u00fcr unsere demokratische Gesellschaft. Denn die Einflussversuche machen ja nicht halt beim Kommerz, sondern formen auch \u2013 bewusst oder unbewusst \u2013 unser Wahlverhalten, wie der US-Verhaltensforscher Rob Epstein warnt. So habe der Google-Algorithmus m\u00e4chtigen Einfluss auf den Ausgang von Wahlen in Indien und den USA gehabt. Es ist also an der Zeit, dass die Politik sich dieses Themas mit aller Ernsthaftigkeit annimmt \u2013 sofern es nicht schon zu sp\u00e4t ist.<\/p>\n<p>Aschaffenburg, den 18. M\u00e4rz 2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Stephan Lorz Die Freiheitsberaubung durch das Internet kommt schleichend daher. 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