{"id":179,"date":"2015-01-21T15:10:00","date_gmt":"2015-01-21T14:10:00","guid":{"rendered":"http:\/\/vox-populi.info\/?p=179"},"modified":"2015-01-21T15:10:00","modified_gmt":"2015-01-21T14:10:00","slug":"digitale-oekonomie-deutschland-braucht-ein-firmware-update","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vox-populi.info\/?p=179","title":{"rendered":"Digitale \u00d6konomie: Deutschland braucht ein Firmware-Update"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Politik hinkt der digitalen Umgestaltung hinterher &#8211; Fl\u00e4chendeckende schnelle Internetverbindungen sind nur ein erster Schritt &#8211; Der Strukturwandel steckt fest<\/strong><\/p>\n<p>Von Stephan Lorz<\/p>\n<p>Die Sensoren sitzen \u00fcberall am K\u00f6rper &#8211; im Armband, in der Uhr, im Brillengestell und k\u00fcnftig wohl auch unter der Haut. Sie f\u00fchlen, protokollieren, regeln und verbinden uns Menschen mit dem Internet, wo wir einsortiert werden mit unserer Gesundheit, Leistungskraft, unseren Verhaltensweisen &#8211; und mit einem omin\u00f6sen Durchschnitt verglichen werden. Die Digitalisierung des Menschen, wie sie im sogenannten Life-Logging zum Ausdruck kommt, hat aber nicht nur Auswirkungen auf das pers\u00f6nliche Umfeld, sondern in ihrer Formenvielfalt auch das Potenzial, die Gesellschaft insgesamt, soziale Institutionen und die \u00f6konomische Basis v\u00f6llig zu ver\u00e4ndern. Die neuen Machtverh\u00e4ltnisse werfen Fragen nach dem Wesen und dem Ziel des Wirtschaftens auf, nach der Funktionalit\u00e4t \u00f6konomischer Strukturen und dem Schutz der Privatsph\u00e4re. Zugleich geschieht der Wandel mit einer Geschwindigkeit, mit der demokratisch verfasste Gesellschaften kaum mithalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Irritiert m\u00fcssen sie etwa hinnehmen, dass schon jetzt Versicherungen ihren Kunden besonders g\u00fcnstige Tarife anbieten, sofern sie sich bereiterkl\u00e4ren, ihre Gesundheit und sportliche Aktivit\u00e4ten durch eine App \u00fcberwachen zu lassen. Die einen sprechen von einer Gesundheitsdiktatur, die anderen von den n\u00f6tigen Anreizen f\u00fcr ein ges\u00fcnderes Leben. Der Datenschutz wird ausgehebelt, der Mensch gibt sich &#8211; vielfach aus Bequemlichkeit &#8211; Konzernen preis, die auf dieser Basis ihrerseits zu m\u00e4chtigen Marktakteuren heranreifen. Das gef\u00e4hrdet f\u00fcr sich genommen wiederum das Kernelement einer Marktwirtschaft, den Wettbewerb. Die offenkundigen Monopolisierungstendenzen im Digitaluniversum haben bereits das Europaparlament auf den Plan gerufen, das wegen der Marktdominanz sogar die Zerschlagung etwa des Suchmaschinenbetreibers Google fordert.<\/p>\n<p>Marktdominanz nimmt zu<\/p>\n<p>Was bringt die Digitalkonzerne aber in eine solche starke Position? Es sind die Netzwerkeffekte, die im weltumspannenden Internet schneller greifen und st\u00e4rker wirken als in der Realwirtschaft, weil Transaktionskosten kaum mehr eine nennenswerte Gr\u00f6\u00dfenordnung darstellen und die Produkte hypermobil sind. Auf diese Weise steigen Unternehmen, welche neue Plattformen im Internet anbieten, wie der Taxivermittler Uber, rasant zu markbeherrschenden Konzernen auf. Durch die steigenden Nutzer- und Anbieterzahlen auf der Plattform erh\u00f6ht sich n\u00e4mlich deren Attraktivit\u00e4t. Auch die Qualit\u00e4t der Treffer bei Suchanfragen erh\u00f6ht sich mit der Zahl der Menschen, die mit Google suchen. Wer zu sp\u00e4t kommt, hat schon fast verloren, weil er nicht an jene kritische Gr\u00f6\u00dfe heranreicht. Daraus erwachsen schnell monopolartige Strukturen.<\/p>\n<p>Daniel Zimmer, Chef der Monopolkommission, wundert sich hingegen \u00fcber die scharfe Kritik, die Google entgegenschl\u00e4gt. Die Europ\u00e4er h\u00e4tten ein &#8222;zwiesp\u00e4ltiges Verh\u00e4ltnis zu amerikanischen Internetkonzernen&#8220; sagt er und warnt vor Schnellsch\u00fcssen bei der Regulierung. Nicht jedes Monopol sei per se schlecht. Denn gerade die Aussicht auf Monopolrenditen treibe im Internet Erfindergeist und Innovationen an. Komisch, dass man eine solche Argumentation in der Realwirtschaft nicht gelten l\u00e4sst. Braucht das Internet also eine Regulierungsbeh\u00f6rde? Oder gibt es doch &#8222;gute&#8220; Monopole?<\/p>\n<p>Eine Debatte scheint auch deshalb sinnvoll, weil die Digitalisierung die Realwirtschaft immer weiter umformt und dabei althergebrachte Arbeitsmarktbeziehungen zu untergraben droht. Im Internet findet Wertsch\u00f6pfung immer st\u00e4rker in virtuellen Zusammenh\u00e4ngen statt. Das macht das Normalarbeitsverh\u00e4ltnis, an dem das ganze Sozialsystem h\u00e4ngt, zunehmend zum Auslaufmodell. Auch der Druck auf den Lohn wird dramatisch ansteigen, weil in der weltweiten Vernetzung etwa Bewerber aus Indonesien und Oberbayern um denselben Auftrag konkurrieren. Entsprechende Plattformen finden sich im Netz etwa unter dem Schlagwort &#8222;Amazon Mechanical Turk&#8220;, &#8222;Faktor 10&#8220; oder &#8222;Kaggle&#8220;. Die Natur der digitalen Arbeit erh\u00f6ht zudem die Kontrolle der Jobber, was Kritiker als ein Einfallstor f\u00fcr &#8222;modernes Sklaventum&#8220; sehen.<\/p>\n<p>Soziale Schere \u00f6ffnet sich<\/p>\n<p>Ferner k\u00f6nnen ganze T\u00e4tigkeitsbereiche wegfallen. Die Arbeitswelt polarisiert sich, sagt Arnold Picot von der Universit\u00e4t M\u00fcnchen. Die Experten an der Spitze der wirtschaftlichen Nahrungskette w\u00fcrden weiter an Einfluss gewinnen. Die am meisten gef\u00e4hrdeten Jobs l\u00e4gen dabei gerade in der Mitte des Einkommensspektrums. Die soziale Schere &#8211; Menschen, die mit Algorithmen umgehen k\u00f6nnen, wird es sehr gut gehen, Menschen mit anderen Kompetenzen und mit weniger Expertise werden es immer schwerer haben &#8211; wird also weiter aufgehen. Muss der Staat deshalb gegensteuern und einen Teil dieser Automatisierungsdividenden absahnen und neu verteilen? Schwierig in einer Welt, in der die digitalen Produktionsprozesse auf einen Mausklick hin verlagert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein Problem der digitalen \u00d6konomie stellt auch die Wechselwirkung der realen Welt mit der in den Datens\u00e4tzen dar. Zwar scheinen die Datenanalysen eine immer h\u00f6here Treffergenauigkeit zu haben, wenn Algorithmen etwa schon anhand des Klickverhaltens errechnen, wie gro\u00df die Wahrscheinlichkeit etwa f\u00fcr die K\u00fcndigung eines Mitarbeiters ist. Schon heute setzt die Polizei in vielen L\u00e4ndern zudem auf die Analyse von Verbrechensmustern. Science-Fiction-Filme wie &#8222;Minority Report&#8220; scheinen sich zu bewahrheiten.<\/p>\n<p>Der Algorithmus lernt zwar nur aus der Vergangenheit, zugleich aber bestimmt er damit auch k\u00fcnftiges Verhalten. Wenn Suchmaschinen, soziale Netzwerke, Einkaufs- und Nachrichtenportale stets passgenaue Angebote liefern, beeinflussen sie unsere Entscheidungen, unser Denken und Handeln. Der Mensch ist dann irgendwann nur noch das, was eine Rechenvorschrift aus seinem vergangenen Verhalten f\u00fcr die Zukunft extrapoliert hat. Es finde eine Machtverlagerung statt durch technologische Prozesse, warnt Hendrik Speck, Professor f\u00fcr digitale Medien an der FH Karlsruhe.<\/p>\n<p>Nach Ansicht von KI-Expertin Yvonne Hofstetter hat Europa l\u00e4ngst die Kontrolle \u00fcber seine Daten verloren &#8211; und zwar an US-amerikanische Konzerne wie Google, Amazon oder Apple sowie an Geheimdienste wie die NSA. Und schon bald w\u00fcrden Nutzer nicht einmal mehr das Recht haben, sich aus der digitalen Welt zur\u00fcckzuziehen. Hofstetter kennt F\u00e4lle aus den USA, wo eine Krankenversicherung ihre Pr\u00e4mien schon erh\u00f6ht, wenn ein Kunde kein Profil bei einem sozialen Netzwerk mehr hat.<\/p>\n<p>Wie h\u00e4ufig bei Innovationen zeigt sich auch hier die Janusk\u00f6pfigkeit der Entwicklung: Die &#8222;Datafizierung&#8220; des Menschen macht zwar auch personalisierte Medizin m\u00f6glich, mit der Krankheiten geheilt werden, die bisher zum Tode f\u00fchren, verbilligt Produkte und vereinfacht das Leben, doch zugleich wird der Mensch auch durch\u00f6konomisiert, verliert seine Privatsph\u00e4re und wom\u00f6glich auch seine Freiheit. Der &#8222;m\u00fcndige B\u00fcrger&#8220; wird zur Farce, weil er an unsichtbaren F\u00e4den h\u00e4ngt und durch die Ausnutzung seiner Bequemlichkeit entm\u00fcndigt wird. Das stellt auch eine Gefahr f\u00fcr die Demokratie dar.<\/p>\n<p>Es ist deshalb Zeit f\u00fcr die Politik, nicht nur mit Schlagworten und mit gro\u00dfen Gesten \u00fcber Industrie 4.0 zu palavern, sondern einen Diskussionsprozess anzusto\u00dfen, der in eine Reform der Gesellschaft m\u00fcndet, wo digitale F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten gef\u00f6rdert und die politischen und sozialen Institutionen sowie die Bildungseinrichtungen auf die neuen Herausforderungen vorbereitet werden. Allein mit der Herstellung eines breitbandigen Internetzugangs ist es nicht getan. Das gesamte politische und \u00f6konomische Regelungssystem ben\u00f6tigt ein Firmware-Update.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Politik hinkt der digitalen Umgestaltung hinterher &#8211; Fl\u00e4chendeckende schnelle Internetverbindungen sind nur ein erster Schritt &#8211; Der Strukturwandel steckt fest Von Stephan Lorz Die Sensoren sitzen \u00fcberall am K\u00f6rper &#8211; im Armband, in der Uhr, im Brillengestell und k\u00fcnftig wohl auch unter der Haut. 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