{"id":160,"date":"2014-10-29T12:32:47","date_gmt":"2014-10-29T11:32:47","guid":{"rendered":"http:\/\/vox-populi.info\/?p=160"},"modified":"2014-10-29T12:32:47","modified_gmt":"2014-10-29T11:32:47","slug":"die-schuld-der-notenbanken-an-der-steigenden-ungleichheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vox-populi.info\/?p=160","title":{"rendered":"Die Schuld der Notenbanken an der steigenden Ungleichheit"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/vox-populi.info\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Reichtumsgrafik-2014.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vox-populi.info\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Reichtumsgrafik-2014-300x194.jpg\" alt=\"Reichtum 2014\" width=\"300\" height=\"194\" class=\"alignright size-medium wp-image-162\" srcset=\"https:\/\/vox-populi.info\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Reichtumsgrafik-2014-300x194.jpg 300w, https:\/\/vox-populi.info\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Reichtumsgrafik-2014-690x446.jpg 690w, https:\/\/vox-populi.info\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Reichtumsgrafik-2014.jpg 937w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Wurden bislang in den F\u00fchrungszirkeln der westlichen Volkswirtschaften Fragen der Verteilungspolitik eher den &#8222;Berufsethikern&#8220; in den Kirchen und Sozialverb\u00e4nden zugeschoben, hat sich die Debatte inzwischen regelrecht umgepolt. Immer mehr \u00d6konomen, Unternehmensf\u00fchrer und nun auch Notenbanker machen sich Sorgen \u00fcber die wachsende \u00f6konomische Ungleichheit. Aber (noch) scheint nicht die Angst vor dadurch ausgel\u00f6sten sozialen Unruhen der Grund zu sein, dass sie sich damit besch\u00e4ftigen. Vielmehr sehen sie dadurch das Wachstum bedroht. Denn je mehr sich das Kapital bei den oberen Zehntausend ballt, desto schw\u00e4cher wird der Konsum. Reiche legen den Mehrertrag n\u00e4mlich eher auf die hohe Kante, als ihn zu verk\u00f6stigen. Wer nach den Ursachen der &#8222;s\u00e4kularen Stagnation&#8220; fahndet, die der US-\u00d6konom Lawrence Summers f\u00fcr die Weltwirtschaft diagnostiziert und die seines Erachtens noch viele Jahre anhalten wird, findet sie hier.<\/p>\n<p><strong>Von unten nach oben<\/strong><\/p>\n<p>Zahlreiche \u00d6konomen besch\u00e4ftigen sich inzwischen mit den sch\u00e4dlichen Folgen der zunehmenden sozialen Ungleichheit. Volkswirte wie der Franzose Thomas Piketty, der dem Kapitalismus eine immanente Tendenz zur Umverteilung von unten nach oben unterstellt, f\u00fcllen die H\u00f6rs\u00e4le in den Universit\u00e4ten und sind medial omnipr\u00e4sent. Selbst eine der Kapitalismuskritik so unverd\u00e4chtige Person wie Deutsche-Bank-Co-Chef J\u00fcrgen Fitschen hat j\u00fcngst gemahnt, dass &#8222;auf Dauer alle Mitglieder der Gesellschaft vom wachsenden Wohlstand profitieren&#8220; m\u00fcssten. Alles andere ist nach seinen Worten &#8222;nicht gesund&#8220;.<\/p>\n<p>Und in der vergangenen Woche klinkten sich auch Notenbanker in die Debatte ein. &#8222;Das Ausma\u00df und der kontinuierliche Anstieg der Ungleichheit beunruhigen mich sehr&#8220;, sagte US-Fed-Chefin Janet Yellen in einer Rede in Boston. Die vergangenen Jahrzehnte sich ausweitender Ungleichheit lie\u00dfen sich als bedeutende Einkommens- und Verm\u00f6gensgewinne f\u00fcr die ganz oben und einen stagnierenden Lebensstandard f\u00fcr die Mehrheit zusammenfassen. Aufstiegschancen schw\u00e4nden. Yellen warf die Frage auf, ob die Ungleichheit noch mit dem amerikanischen Wert der Chancengleichheit zu vereinbaren sei. Schlie\u00dflich besa\u00df nach einer aktuellen Untersuchung der Fed die untere H\u00e4lfte der amerikanischen Haushalte nur 1 % des Verm\u00f6gens, w\u00e4hrend es 1989 immerhin noch 3 % gewesen waren. Dagegen stieg der Anteil der reichsten 5 % in den Jahren 1989 bis 2013 von 54 auf 63 % an.<\/p>\n<p>Was Yellen aber dabei verschwieg, ist die Rolle, welche die US-Notenbank \u00fcber Jahrzehnte beim Aufbau dieser systemischen Unwucht gespielt hat &#8211; und noch spielt. Die ultralockere Geldpolitik, die enormen Volumina an Wertpapierk\u00e4ufen und die &#8222;Rettungspolitik&#8220; f\u00fcr das Finanzsystem haben n\u00e4mlich ma\u00dfgeblich dazu beigetragen, dass die Verm\u00f6gen gerade der reichen Bev\u00f6lkerungsschicht immerzu gewachsen sind, w\u00e4hrend sich Otto Normalb\u00fcrger mit mickrigen Zinsen zufriedengeben und zudem mit zum Teil sogar sinkenden L\u00f6hnen zurechtkommen musste.<\/p>\n<p>Insofern ist EZB-Direktor Yves Mersch ehrlicher gewesen, als er j\u00fcngst in einer Rede auf den &#8222;Eigenbeitrag&#8220; der Notenbanken an der Misere eingegangen ist und die Mechanismen hierzu auch konkret benannt hatte: &#8222;Unkonventionelle Geldpolitik, im Besonderen umfangreiche Wertpapierk\u00e4ufe, scheinen die Einkommensungleichheit zu vergr\u00f6\u00dfern.&#8220; Noch vorsichtig in der Formulierung, aber klar in der Aussage: Er spricht von &#8222;Kollateraleffekten&#8220; an sich notwendiger geldpolitischer Entscheidungen.<\/p>\n<p>Und wie funktioniert dieser Mechanismus? Es beginnt schon bei der Einkommensentstehung, weil Personen mit h\u00f6heren Einkommen &#8211; der Blick f\u00e4llt unweigerlich auf Unternehmensmanager, die Abermillionen im Jahr einstreichen &#8211; einen Gro\u00dfteil ihres &#8222;Lohns&#8220; in Wertpapiere investieren k\u00f6nnen, weil sie ihn nicht konsumieren m\u00fcssen. Dagegen sind niedrigere Einkommen bis weit in die Mittelschicht hinein gerade mal in der Lage, ihre Krankenversicherung und Altersvorsorge durch ihre regelm\u00e4\u00dfigen Beitr\u00e4ge zu finanzieren sowie ihre Immobilienschulden zu bedienen. In der Regel nur mittelbar \u00fcber die Altersvorsorge &#8211; und auch da haupts\u00e4chlich nur in den angels\u00e4chsischen L\u00e4ndern &#8211; wird dieses Geld in renditetr\u00e4chtigere Anlagen gesteckt. Der L\u00f6wenanteil liegt auf Sparkonten, die kaum verzinst werden. Stichwort: finanzielle Repression. Und so kommt es, dass verm\u00f6gendere Menschen, die nicht nur nominal, sondern auch anteilig im Portfolio einen h\u00f6heren Anteil an Aktien, Anleihen und komplexeren Finanzierungsformen besitzen, damit auch eine h\u00f6here Rendite einstreichen.<\/p>\n<p>Nun kommt die Notenbank ins Spiel, die einerseits die Banken gerettet und damit neben dem Geld auf den Sparkonten auch die Wertpapiere vor dem Wertverfall bewahrt hatte und mit ihren Liquidit\u00e4tsgaben an die Banken und mit den Wertpapierk\u00e4ufen die Kurse von Aktien &#038; Co. nach oben getrieben hat. Sie hat diese Unwucht damit noch weiter vergr\u00f6\u00dfert. Der Abstand zwischen Arm und Reich im Hinblick auf Kapitalertr\u00e4ge wird noch gr\u00f6\u00dfer, als er strukturell schon ist.<\/p>\n<p><strong>Luxus kleiner Eliten<\/strong><\/p>\n<p>Die Umverteilung geschieht also von unten nach oben &#8211; ganz anders, als es eigentlich in einem fairen Wirtschaftsmodell der Fall sein sollte. &#8222;Eine Geldpolitik, die seit Mitte der achtziger Jahre hinter dem Feigenblatt geringer Inflation die Finanzm\u00e4rkte inflationiert, dient nicht dem Wohlstand des Volkes, sondern dem Luxus kleiner Eliten&#8220;, schimpft der Leipziger \u00d6konom Gunther Schnabl in einem Blogbeitrag. Insofern m\u00fcssten sich die Notenbanken endlich ihrer Verantwortung stellen.<\/p>\n<p>Doch das Gegenteil ist der Fall: Weil der Finanzsektor und die Wertpapiervolumina inzwischen eine Gr\u00f6\u00dfenordnung erreicht haben, dass jede gr\u00f6\u00dfere St\u00f6rung gleich ein Systemversagen der Wirtschaft heraufbeschw\u00f6rt, wollen die Notenbanken unter keinen Umst\u00e4nden einen Kursverfall provozieren etwa durch einen zu fr\u00fchzeitigen Ausstieg aus ihrer unkonventionellen Geldpolitik. Die Notenbank ist somit Gefangener ihrer eigenen Politik geworden. Und die Akteure der Finanzbranche verstehen es aufs Vortrefflichste, diesen Umstand mit ihrer Lobbyarbeit auszunutzen.<\/p>\n<p>Nachdem den angels\u00e4chsischen Notenbanken der Ausstieg schon so schwerf\u00e4llt, soll nun auch die Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB) auf dieses &#8222;Gesch\u00e4ftsmodell&#8220; einschwenken, das viele Top-\u00d6konomen als den einzigen gangbaren Weg aus der Krise preisen. Und es scheint so, dass ihnen diese \u00dcberzeugungsarbeit gelungen ist, wie die Liquidit\u00e4tsprogramme, der Ankauf von Pfandbriefen und besicherten Wertpapieren (ABS) zeigen. J\u00fcngsten Ger\u00fcchten zufolge soll inzwischen sogar der Ankauf von Unternehmensanleihen erwogen werden. EZB-Vize V\u00edtor Const\u00e2ncio geht davon aus, dass dieser Kurs noch auf l\u00e4ngere Zeit so beibehalten wird, und spricht wie viele andere \u00d6konomen auch von einer &#8222;neuen Normalit\u00e4t&#8220;, die sich in den Notenbanken manifestiert habe.<\/p>\n<p><strong>L\u00f6hne unter Druck<\/strong><\/p>\n<p>Verteidiger dieser Geldpolitik f\u00fchren an, dass der expansive Kurs ja das Wachstum f\u00f6rdere und so vor allem \u00e4rmeren Menschen helfe. Doch diese sehen sich in der Konkurrenz mit Billiglohnarbeitern auf globaler Ebene am k\u00fcrzeren Hebel, weshalb die Chancen auf Lohnsteigerungen trotz des Aufschwungs gering sind, wie etwa US-Daten zeigen. Die Profite streichen eher die Unternehmen und ihre Aktion\u00e4re ein. Der zitierten Fed-Studie zufolge haben in den Jahren 2010 bis 2013 nur die obersten 10 % der US-Amerikaner \u00fcberhaupt steigende Einkommen aufgewiesen.<\/p>\n<p>Wirtschaftsnobelpreistr\u00e4ger Joseph Stiglitz beklagt denn auch, dass das Ma\u00df der Ungleichheit in den USA inzwischen alle nachvollziehbaren Gr\u00f6\u00dfenordnungen \u00fcberschritten habe: Seit 1998 stagniert das Median-Einkommen der Privathaushalte und ist seit 2007 auf ein Niveau wie vor einem Vierteljahrhundert gefallen. F\u00fcr Vollzeitbesch\u00e4ftigte ist sogar eine Lohnstagnation seit Mitte der siebziger Jahre festzustellen. Und das zu einer Zeit, in der sich die Produktivit\u00e4t verdoppelt hat. &#8222;Die USA entwickeln sich zu einem Billiglohnland mit Arbeitnehmern, die immer flexibler und produktiver werden&#8220;, diagnostiziert ein Gutachten der Boston Consulting Group.<\/p>\n<p><strong>Immobilienpreise im Fokus<\/strong><\/p>\n<p>Zudem wird zugunsten der ultralockeren Geldpolitik gerne angef\u00fchrt, dass die Nullzinspolitik die Hauspreise nach oben treibt, was ja Hausbesitzer freue. Zumal gerade Familien der Mittelschicht in den USA \u00fcberdurchschnittlich gro\u00dfe Teile ihres Verm\u00f6gens in Hausbesitz hielten. Allerdings hat gerade die \u00dcbertreibung auf diesem Sektor zur tiefen Finanzkrise beigetragen.<\/p>\n<p>Erst Studien, dass die soziale Ungleichheit inzwischen auch das Wirtschaftswachstum d\u00e4mpft (das zu steigern die unkonventionelle Geldpolitik der westlichen Notenbanken vorgibt), haben viele handelnde Personen nun aufger\u00fcttelt. Die Ratingagentur Standard &#038; Poor&#8217;s (S &#038; P) warnt vor negativen Folgen, wenn die Profite der Wirtschaft weiter zu sehr den Verm\u00f6genden und den Vertretern der Spitzeneinkommen zugutekommen. Schon jetzt, so hat die Ratingagentur im Sommer f\u00fcr eine Studie ausgerechnet, m\u00fcssten die USA deswegen langfristig auf j\u00e4hrlich 0,3 Prozentpunkte an Wachstum verzichten.<\/p>\n<p>Der Leipziger \u00d6konom Schnabl lenkt die Aufmerksamkeit der Debatte \u00fcber die Verantwortung der Notenbanken zudem darauf, dass die angestrebte &#8222;Preisstabilit\u00e4t&#8220; ohnehin nur ein &#8222;Zwischenziel&#8220; der Notenbanken sei. Zu hohe Inflation l\u00e4sst den Staat und die Halter von realen Verm\u00f6genswerten profitieren, w\u00e4hrend die Zeche der Sparbuchsparer zahlt. Die Vermeidung von h\u00f6herer Inflation diene also letztlich nur dazu, willk\u00fcrliche Umverteilungseffekte zu vermeiden. Doch ein \u00e4hnlicher Mechanismus zeige sich auch am anderen Ende, wenn die Notenbanken im Kampf gegen Stagnation und Deflation die Verm\u00f6genspreise durch ihre Ank\u00e4ufe in schwindelerregende H\u00f6hen treiben und Sparzinsen auf null dr\u00fccken. Es dr\u00e4ngt sich der Eindruck auf, dass die W\u00e4hrungsh\u00fcter hier ihren Kernauftrag verraten und mit einer \u00dcberdosis Geldpolitik den Patienten regelrecht in die Verm\u00f6gensschizophrenie treiben.<\/p>\n<p><strong>Greenspan gab den Startschuss<\/strong><\/p>\n<p>Dass der neue Kurs der Notenbanken die soziale Ungleichheit bef\u00f6rdert, scheint bereits ein Blick auf die historische Datenlage zu illustrieren. Just seit 1987, als Alan Greenspan das Amt als Fed-Chef \u00fcbernahm und eine Geldpolitik einleitete, die vornehmlich der Stabilisierung der Finanzm\u00e4rkte diente, ist der Anteil der Top-1 % am Gesamteinkommen in den USA von rund 13 % auf inzwischen gut 37 % angestiegen. Vergleichbare Entwicklungen sind auch in anderen Industriel\u00e4ndern zu beobachten.<\/p>\n<p>Und wie gegensteuern? Mehr Produktivkapital, sprich: mehr Aktien, in Arbeitnehmerhand, hie\u00dfe eigentlich die Devise. Doch dieser Wunsch ist schon in den sechziger Jahren in Deutschland versickert. Auch neueren Anl\u00e4ufen war kein Erfolg beschieden. Muss der Gesetzgeber die Entwicklung dann nicht \u00fcber das Steuersystem korrigieren? Angesichts des globalen Steuerwettbewerbs sind dem Staat hier strukturell Grenzen gesetzt, zumal gerade die Superreichen zu den mobilsten Individuen \u00fcberhaupt z\u00e4hlen. Ein wichtiger erster Schritt vor weiteren steuerlichen Entlastungen der unteren und mittleren Einkommen w\u00e4re die Streichung der kalten Progression, die vor allem die besonders beanspruchte Mittelschicht trifft und ihre Sparneigung torpediert. Das wird inzwischen auch von zahlreichen \u00d6konomen und Politikern gefordert &#8211; genauso wie von Deutsche-Bank-Co-Chef Fitschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wurden bislang in den F\u00fchrungszirkeln der westlichen Volkswirtschaften Fragen der Verteilungspolitik eher den &#8222;Berufsethikern&#8220; in den Kirchen und Sozialverb\u00e4nden zugeschoben, hat sich die Debatte inzwischen regelrecht umgepolt. Immer mehr \u00d6konomen, Unternehmensf\u00fchrer und nun auch Notenbanker machen sich Sorgen \u00fcber die wachsende \u00f6konomische Ungleichheit. 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