{"id":155,"date":"2014-10-01T16:12:47","date_gmt":"2014-10-01T14:12:47","guid":{"rendered":"http:\/\/vox-populi.info\/?p=155"},"modified":"2014-10-01T16:12:47","modified_gmt":"2014-10-01T14:12:47","slug":"die-amerikanisierung-der-eurozone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vox-populi.info\/?p=155","title":{"rendered":"Die Amerikanisierung der Eurozone"},"content":{"rendered":"<p><figure style=\"width: 90px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www8.gsb.columbia.edu\/cbs-directory\/sites\/cbs-directory\/files\/photos\/jes322\/profiles\/jes322_110x90.jpg\" width=\"90\" height=\"110\" class \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Nobelpreistr\u00e4ger Joseph E. Stiglitz<\/figcaption><\/figure> Soll die Eurozone insgesamt wieder auf die Beine kommen, muss sich der W\u00e4hrungsraum nach Meinung von Wirtschaftsnobelpreistr\u00e4ger Joseph E. Stiglitz von althergebrachten \u00f6konomischen Vorstellungen verabschieden und &#8211; so m\u00f6chte man hinzuf\u00fcgen &#8211; amerikanischer werden: Weg mit der Austerit\u00e4t, solange das Bankensystem nicht stabil genug ist und zu wenig Kredite vergibt; weg mit der Fixierung auf Schuldenstands- und Defizitquoten, weil deren Missachtung ja gerade nicht zur Euro-Krise gef\u00fchrt hat, wie etwa die niedrigen Vorkrisenquoten in Irland, Spanien und Portugal zeigen. Stattdessen muss das Preisstabilit\u00e4tsmandat der Europ\u00e4ischen Zentralbank (EZB) um ein Arbeitslosen- und Finanzstabilit\u00e4tsziel erg\u00e4nzt werden, braucht es eine echte Bankenunion im Euroraum, eine europ\u00e4ische Arbeitslosenversicherung und &#8211; nat\u00fcrlich &#8211; Euroland-Bonds. Erst diese Eingriffe w\u00fcrden die Eurozone nachhaltig stabilisieren und das Wachstum wieder auf Normalma\u00df heraufschleusen, versichert Stiglitz bei einer Veranstaltung von Shearman &#038; Sterling in Frankfurt.<\/p>\n<p>Wenn Deutschland immer wieder Austerit\u00e4t predige, die Einhaltung von Fiskalversprechen einfordere, sich aber einem Finanzausgleich im W\u00e4hrungsraum verweigere, sich nicht der Konsequenzen eines einheitlichen W\u00e4hrungsraums stelle, w\u00fcrden die Deutschen in nicht allzu ferner Zukunft einen wohl noch h\u00f6heren Preis zahlen m\u00fcssen, prophezeit Stiglitz. &#8222;Ich m\u00f6chte mir gar nicht ausmalen, welche politischen Folgen es hat, wenn die Arbeitslosenraten in der Eurozone noch l\u00e4ngere Zeit so hoch sind wie jetzt.&#8220;<\/p>\n<p>In deutschen Ohren klingt derlei Politikschelte in der Tat schmerzhaft, weil Stiglitz&#8216; Argumentation Vorstellungen von Ordnungspolitik und der Begrenzung staatlicher und zentralbanklicher Macht mit einem Wisch fortfegt. Mehr Industriepolitik, fordert er etwa. Davon gebe es in Europa zu wenig. Die USA seien da viel weiter. Es werde nur nicht &#8222;Industriepolitik&#8220; genannt, sondern verstecke sich hinter den &#8222;Ausgaben des Defence Department&#8220;.<\/p>\n<p>Stiglitz redet zudem einer \u00f6konomischen Feinsteuerung durch die Notenbank das Wort, die hierzulande verp\u00f6nt ist. Auch das Bankensystem soll nach seinem Daf\u00fcrhalten nicht rigoros von der Staatssph\u00e4re abgekoppelt werden, wie in Europa angestrebt wird, weil das Finanzsystem nur durch einen &#8222;Blankoscheck&#8220; der jeweiligen Regierung Krisen \u00fcberstehen k\u00f6nne. Und auch die Staatsverschuldung sei im Grunde genommen kein Problem, solange die Notenbank einfach Geld drucken k\u00f6nne. Das funktioniere im Euroraum nur deshalb nicht so gut wie in den USA, weil die Staaten keinen Zugriff auf diese Finanzierungsmethode h\u00e4tten. Stiglitz: &#8222;Die USA werden nie eine Schuldenkrise haben, weil es das eigene Geld ist, in dem sie sich verschulden. Und das kann man schnell nachdrucken.&#8220;<\/p>\n<p>Ein m\u00f6glicher Vertrauensverlust in die W\u00e4hrung schert ihn ebenso wenig wie das Ausnutzen von derlei &#8222;Versicherung&#8220; durch das Bankwesen. &#8222;Marktwirtschaft&#8220; unterscheidet sich vor diesem Hintergrund gar nicht mehr so sehr von anderen Wirtschaftskonzepten wie Planification &#8211; eine Art Notenbank-Sozialismus eben.<\/p>\n<p>Was der US-Top\u00f6konom richtig beschreibt, sind die Probleme, die sich Europa durch die aus \u00f6konomischer Sicht \u00fcberhastet eingef\u00fchrte W\u00e4hrungsunion eingehandelt hat. Das Gebiet stellt in keinster Weise einen optimalen W\u00e4hrungsraum dar. Zu gro\u00df die kulturellen, \u00f6konomischen und politischen Unterschiede, zu wenige gemeinsame Institutionen und nicht einmal ein Mindestma\u00df an Kooperationsbereitschaft, wenn es etwa darum geht, die einmal eingegangenen Versprechen auch zu halten und die n\u00f6tigen Reformen durchzuf\u00fchren. Stattdessen ist Flickschusterei angesagt, wie die Einrichtung eines Eurorettungsfonds und einer bei der EZB angeflanschten Bankenaufsicht f\u00fcr die gr\u00f6\u00dften Institute.<\/p>\n<p>Was Stiglitz aber au\u00dfer Acht l\u00e4sst, ist, dass es ja gerade jene bislang ausgebliebenen Reformen sind, die L\u00e4nder wie etwa aktuell Frankreich dazu bef\u00e4higen sollen, eine stabile Binnennachfrage zu etablieren und die Wettbewerbsf\u00e4higkeit des Landes wieder zu steigern. Es ist diese Unf\u00e4higkeit der politischen Eliten in diesen (und anderen) L\u00e4ndern, welche die Eurozone immer wieder neuen Belastungsproben aussetzt und den Groll in der Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber dem Verhalten anderer L\u00e4nder steigert.<\/p>\n<p>Umgekehrt hat ja auch der von Stiglitz empfohlene \u00f6konomische Umbau seine Schattenseiten, die der \u00d6konom fairerweise nicht vorenth\u00e4lt: Niedrigzinsen bzw. Minuszinsen sowie die Ankaufprogramme der Notenbanken k\u00f6nnen in eine Blasenwirtschaft m\u00fcnden, was die n\u00e4chste Krise vorherbestimmt. Stiglitz&#8216; \u00f6konomische Rezeptur bevorteilt zudem Verm\u00f6gende und hohe Einkommen, was die soziale Ungleichheit immens vergr\u00f6\u00dfert und selber wiederum f\u00fcr politischen Z\u00fcndstoff sorgt. Hinzu kommt, dass das auf diese Weise initialisierte Wachstum weniger neue Arbeitspl\u00e4tze schafft als in fr\u00fcheren Aufschwungphasen. Niedrigste Zinsen verf\u00fchren n\u00e4mlich zu kapitalintensiven Investitionen, die nur wenige neue Jobs hervorbringen &#8211; und noch existente Arbeitspl\u00e4tze zudem gef\u00e4hrden. Das bringt den Nobelpreistr\u00e4ger wieder auf den Gedanken, dass der Staat hier mit eigenen Investitionen in die Infrastruktur vorpreschen muss, um diese Probleme zu lindern. Ein Eingriff folgt auf den n\u00e4chsten. Am Schluss d\u00fcrften von freien M\u00e4rkten nur noch ein paar Nischen \u00fcbrigbleiben.<\/p>\n<p>Und was hei\u00dft das f\u00fcr die Zukunft der W\u00e4hrungsunion? Stiglitz: &#8222;Eine Aufl\u00f6sung w\u00e4re keine gute L\u00f6sung. Aber es gibt immer auch ein Leben nach der Scheidung.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Soll die Eurozone insgesamt wieder auf die Beine kommen, muss sich der W\u00e4hrungsraum nach Meinung von Wirtschaftsnobelpreistr\u00e4ger Joseph E. 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