{"id":123,"date":"2014-05-09T18:21:28","date_gmt":"2014-05-09T16:21:28","guid":{"rendered":"http:\/\/vox-populi.info\/?p=123"},"modified":"2014-05-09T18:21:28","modified_gmt":"2014-05-09T16:21:28","slug":"oekonomische-scheuklappen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vox-populi.info\/?p=123","title":{"rendered":"\u00d6konomische Scheuklappen"},"content":{"rendered":"<p>Geht es nach den derzeit vorliegenden Prognosen des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) oder der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), so haben der B\u00fcrgerkrieg in der Ukraine und der R\u00fcckfall Moskaus in alte Verhaltensmuster keinen oder kaum Effekte auf den Fortgang der Konjunktur in Europa. Die wirtschaftlichen Aussichten werden unisono als recht positiv dargestellt. Auch Stimmungsumfragen bei Unternehmen signalisieren gro\u00dfen Optimismus. Der Ukraine-Konflikt wird nur am Rande thematisiert. \u00dcberm\u00e4chtig ist offenbar der Drang, nun endlich die lange Rezessionsphase hinter sich lassen zu k\u00f6nnen. Selbst bei europ\u00e4ischen Unternehmern in Russland ist nur ein gewisser Attentismus auszumachen, wie den Osteuropaumfragen der Oesterreichischen Kontrollbank (OeKB) zu entnehmen ist. Russland halten die Investoren n\u00e4mlich weiter f\u00fcr einen der \u201eattraktivsten M\u00e4rkte Mittelosteuropas\u201c.<\/p>\n<p>Aus den Prognosen und Umfragen sprechen eine zutiefst unpolitische Haltung und eine zu enge Fokussierung auf das Tagesgesch\u00e4ft. Es scheint so, als h\u00e4tten sich alle Marktakteure sektorale Scheuklappen angelegt: Sie untersch\u00e4tzen die strukturellen Folgen der geopolitisch neuen Lage. Selbst, wenn sich nun eine gewisse Entspannung in der Ukraine andeutet, hat der Konflikt schon jetzt das Handlungsfeld der Unternehmen ver\u00e4ndert: Das Vertrauen in Moskau ist ersch\u00fcttert, ganz Osteuropa lebt in Angst, Unsicherheit macht sich breit, die Perspektiven sind vernebelt. Langfristig wird dies eine \u00f6konomische Umorientierung des Westens erzwingen: weg von Russland, etwas weniger Osteuropa. Das wird Friktionen verursachen und Wachstum kosten.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst f\u00e4llt durch den aktuellen Konflikt die binnenwirtschaftliche Wachstumsperspektive Russlands weg. Wom\u00f6glich m\u00fcssen auch Investments abgeschrieben werden. Zudem ben\u00f6tigen die gef\u00e4hrdeten Nachbarn Moskaus Finanzhilfen zur St\u00e4rkung gegen einen milit\u00e4risch \u00fcberm\u00e4chtigen Gegner. Ein neuer Kalter Krieg ist zwar nicht zu erwarten, aber die Wirtschaftsbeziehungen der westlichen Unternehmen in Osteuropa erodieren \u2013 zudem schwindet die Friedensdividende der vergangenen Jahre. Denn Milit\u00e4rausgaben steigen mit der Bedrohungsangst.<\/p>\n<p>Auch die notwendige Verringerung der Abh\u00e4ngigkeit vom russischen Gas ist f\u00fcr Deutschland teuer. Der massive Aufbau regenerativer Energien kann die Umstellungskosten zwar etwas lindern, doch fehlt es noch an Speicher und Energietr\u00e4gern, die auch bei Windstille und Wolken verl\u00e4sslich Strom liefern k\u00f6nnen. Zumal man nicht auf mehr Gaskraftwerke zur\u00fcckgreifen kann. Schon die Energiewende 1.0 belastet die Verbraucher und l\u00e4sst den Blick von Unternehmen sehns\u00fcchtig ins Ausland schweifen. Nun kommt noch der Umbau der Gasversorgung hinzu mit mehr Fl\u00fcssiggas und neuen Pipelines. Auch mit der Energiewende<ET>2.0 sind also massive Kostensteigerungen zu erwarten. Dies wird ebenfalls Wachstumsverluste nach sich ziehen und macht den Standort Deutschland unattraktiver.<\/p>\n<p>Zuletzt hatten Wirtschaftsvertreter die Politik immer etwas naser\u00fcmpfend von oben betrachtet. Ausgeblendet wurde ihre Bedeutung nicht nur f\u00fcr das Wirtschaftsleben selbst, sondern auch im Hinblick auf die Verl\u00e4sslichkeit der Handelspartner. Denn nur die Politik kann f\u00fcr Stabilit\u00e4t von Wirtschaftsbeziehung sorgen und eine Wertegemeinschaft etablieren, die das n\u00f6tige Grundvertrauen daf\u00fcr herstellt. Die Hoffnung der Wirtschaft, allein mit \u201eHandel\u201c den politischen \u201eWandel\u201c bef\u00f6rdern zu k\u00f6nnen, hat sich n\u00e4mlich als Fehler herausgestellt.<\/p>\n<p>Diese politische Blindheit setzt sich nun auch in den Prognosen und Stimmungen von \u00d6konomen und Wirtschaftsakteuren fort, die viel zu optimistisch ausfallen und politische Instabilit\u00e4ten ausblenden, wie sie etwa auch im Hinblick auf die Parteidiktatur China existieren. Vor dem Hintergrund der aktuellen Krise r\u00fcckt deshalb wieder die EU in den Fokus. Br\u00fcssel ist eben mehr wert als die Summe der in der Gemeinschaft versammelten Einzelinteressen. Viele \u00d6konomen unterschlagen das gerne und machen eine rein pekuni\u00e4re Rechnung auf f\u00fcr den \u201eWert\u201c der EU. Stattdessen sollte es gerade jetzt darum gehen, die europapolitische Basis weiter zu st\u00e4rken und handlungsf\u00e4higer zu machen \u2013 auch als Instanz zur Wahrung kontinentaler Interessen. Die EU ist schlie\u00dflich mehr als ein Tummelplatz f\u00fcr Verbandslobbyisten: Sie ist Garant f\u00fcr das wirtschaftliche \u00dcberleben. Und auch viele Kritiker einer transatlantischen Freihandelszone d\u00fcrften nun etwas kleinlauter werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geht es nach den derzeit vorliegenden Prognosen des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) oder der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), so haben der B\u00fcrgerkrieg in der Ukraine und der R\u00fcckfall Moskaus in alte Verhaltensmuster keinen oder kaum Effekte auf den Fortgang der Konjunktur in Europa. Die wirtschaftlichen Aussichten werden unisono als recht positiv dargestellt. 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