{"id":105,"date":"2014-03-26T19:37:29","date_gmt":"2014-03-26T18:37:29","guid":{"rendered":"http:\/\/vox-populi.info\/?p=105"},"modified":"2014-03-26T19:37:29","modified_gmt":"2014-03-26T18:37:29","slug":"konjunkturelle-scheuklappen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vox-populi.info\/?p=105","title":{"rendered":"Konjunkturelle Scheuklappen"},"content":{"rendered":"<p>Beschwichtigungen allerorten. &#8222;Kein Grund zur Panik!&#8220;, mahnen die \u00d6konomen. Von einer Stimmungseintr\u00fcbung k\u00f6nne &#8222;keine Rede&#8220; sein, ebenso wenig von einer sich ank\u00fcndigenden &#8222;Eiszeit&#8220;. Man d\u00fcrfe den Indexr\u00fcckgang &#8222;nicht \u00fcberbewerten&#8220;. Allenfalls eine &#8222;Verschnaufpause&#8220; sei nun zu erwarten angesichts des bereits recht reifen Stadiums im Wachstumszyklus der deutschen Wirtschaft. Die zitierten \u00c4u\u00dferungen sind eine Reaktion auf den R\u00fcckgang des Ifo-Gesch\u00e4ftsklimaindex von 111,3 auf 110,7 Punkte, der nach Einsch\u00e4tzung der Ifo-Experten in erster Linie die pessimistischere Einsch\u00e4tzung wegen der Krim-Krise widerspiegelt.<br \/>\nDas trotz des Krim-Konflikts nach wie vor recht positive Konjunkturbild der Analysten erkl\u00e4rt sich aus dem recht hohen Niveau, auf dem sich die Wirtschaftsaktivit\u00e4ten in Deutschland derzeit noch befinden. Die binnenwirtschaftlichen Wachstumstreiber Privatkonsum und Investitionen sind nach wie vor intakt, weil sie von niedrigerer Arbeitslosigkeit, steigenden Einkommen und den Modernisierungsnotwendigkeiten der Unternehmen gespeist werden. Auch die Exportaussichten sind wegen des Produktmix deutscher Unternehmen weiterhin positiv, auch wenn in Asien erste Erm\u00fcdungserscheinungen auftreten und der Euro-W\u00e4hrungskurs die preisliche Wettbewerbsf\u00e4higkeit etwas schm\u00e4lert.<\/p>\n<p>Was in der Prognose der k\u00fcnftigen konjunkturellen Entwicklung dabei vollkommen untersch\u00e4tzt wird, ist die tektonische Verschiebung, die mit dem geopolitischen Konflikt eingesetzt hat. Die Kapitalflucht, die derzeit in Russland registriert wird, ist nur der Start einer generellen Umorientierung im Welthandel. Und dies wird vor allem die in Russland extrem engagierten deutschen Unternehmen treffen. Da braucht es gar keine weiteren Sanktionen mehr. Das Grundvertrauen der Investoren ist schon jetzt ersch\u00fcttert. Wer will unter diesen Umst\u00e4nden in einem solchen Land und seinen Anrainern noch guten Gewissens investieren? Zumal dem Vernehmen nach in Russland bereits ein Gesetz in Vorbereitung ist, das Enteignungen und Verstaatlichungen von Unternehmen vereinfachen soll. Die absehbare Umorientierung von Investitionsstr\u00f6men, die viele Milliardenengagements entwerten wird, und die Neuausrichtung des Au\u00dfenhandels werden eine Zeit der Unsicherheit mit sich bringen, die in den Staatshaushalten ihren Niederschlag finden wird und in den Unternehmensbilanzen.<\/p>\n<p>Nun wenden viele Beobachter ein, dass von den deutschen Exporten nur etwa 3 % nach Russland und nur 0,5 % in die Ukraine gehen, ein Einbruch also locker wegzustecken w\u00e4re, zumal die Ersch\u00fctterungen wegen des Eigeninteresses der russischen Wirtschaft ja nur vor\u00fcbergehend sein d\u00fcrften. Auch \u00fcber den Kanal steigender Energiepreise sei kein Effekt auf die deutsche Konjunktur zu erwarten, sofern drastischere Wirtschaftssanktionen ausbleiben. Doch wird dabei untersch\u00e4tzt, dass die Folgen solcher geopolitischen Entwicklungen nie auf bilaterale Einzelbetrachtungen beschr\u00e4nkt bleiben. Wie Schockwellen durchdringen sie viele andere Bereiche, die scheinbar nichts damit zu tun haben. Erst vor kurzem hat die Ratingagentur Moody&#8217;s vor der Verwundbarkeit vieler Emerging-Markets-L\u00e4nder gewarnt wegen ihrer zu hohen Abh\u00e4ngigkeit von externen Investitionen und den Kapitalfl\u00fcssen. Eine kleine St\u00f6rung kann hier schon gr\u00f6\u00dfere Folgen nach sich ziehen. Und die Eurokrisenl\u00e4nder sind auch noch nicht aus dem Gr\u00f6bsten heraus. Stockt die deutsche Konjunktur oder tr\u00fcbt sich der Welthandel ein, fallen sie erneut in die Rezession.<\/p>\n<p>Schon in der Vergangenheit haben viele \u00d6konomen die Ansteckungsgefahren solcher geopolitischen Krisen untersch\u00e4tzt, weil sie ihr Urteil viel zu sehr auf die lokalen und in den Wirtschaftsstatistiken unmittelbar sichtbaren Zusammenh\u00e4nge abgestellt haben. Psychologische Effekte und die Wirkungen informellen Herdenverhaltens aufgrund beunruhigender Nachrichten wurden verkannt. Auch die Marktakteure scheinen den Ernst der Lage noch nicht begriffen zu haben.<\/p>\n<p>Es geht nicht darum, einem konjunkturellen Doomsday-Szenario das Wort zu reden. Davon sind wir noch weit entfernt. Doch ein nicht durch Gesundbeterei getr\u00fcbter Blick w\u00fcrde dazu zwingen, die politische Neuorientierung des Westens \u00f6konomisch zu begleiten und erkannte Risiken schon im Vorfeld anzugehen. Denn richtig gef\u00e4hrlich wird die Lage nur, wenn man wegen der analytischen Scheuklappen blind in die n\u00e4chste Rezession stolpert &#8211; und dann durch aktionistisches Getue alles nur noch schlimmer macht.<\/p>\n<p>(B\u00f6rsen-Zeitung, 26.3.2014)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beschwichtigungen allerorten. &#8222;Kein Grund zur Panik!&#8220;, mahnen die \u00d6konomen. Von einer Stimmungseintr\u00fcbung k\u00f6nne &#8222;keine Rede&#8220; sein, ebenso wenig von einer sich ank\u00fcndigenden &#8222;Eiszeit&#8220;. Man d\u00fcrfe den Indexr\u00fcckgang &#8222;nicht \u00fcberbewerten&#8220;. Allenfalls eine &#8222;Verschnaufpause&#8220; sei nun zu erwarten angesichts des bereits recht reifen Stadiums im Wachstumszyklus der deutschen Wirtschaft. 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