{"id":104,"date":"2014-04-01T20:16:38","date_gmt":"2014-04-01T18:16:38","guid":{"rendered":"http:\/\/vox-populi.info\/?p=104"},"modified":"2014-04-01T20:16:38","modified_gmt":"2014-04-01T18:16:38","slug":"kapitalistische-oligarchie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vox-populi.info\/?p=104","title":{"rendered":"Kapitalistische Oligarchie"},"content":{"rendered":"<p>In den USA ist eine hei\u00dfe Debatte \u00fcber die sch\u00e4dlichen Wirkungen zunehmender wirtschaftlicher Ungleichheit entbrannt. \u00d6konomen wie der Nobelpreistr\u00e4ger Paul Krugman oder Joseph E. Stiglitz gei\u00dfeln die enormen Verm\u00f6gensgewinne, welche die ohnehin bereits Verm\u00f6genden auf Kosten der \u00e4rmeren Schichten angeh\u00e4uft h\u00e4tten. Und der Internationale W\u00e4hrungsfonds (IWF) hat unl\u00e4ngst in einer Studie davor gewarnt, dass Ungleichheit tendenziell auch das Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft schm\u00e4lert &#8211; von der sich aufstauenden Unruhe unter den Verliererschichten ganz zu schweigen. Manche Stimmen sprechen bereits von einer Finanz-Oligarchie, die sich in den USA breitgemacht und sich den Staat untertan gemacht habe.<\/p>\n<p>Wie weit diese Entwicklung in den USA bereits fortgeschritten ist weit jenseits der hinl\u00e4nglich bekannten reinen Einkommensbetrachtung zeigt eine Statistik der OECD. Dort wird der Anteil jener Haushalte angegeben, welcher innerhalb eines Jahres schon einmal nicht genug Geld f\u00fcr Nahrung hatte: In der T\u00fcrkei war dies bei 32,7 Prozent der Privathaushalte schon einmal der Fall und in den reichen USA mit 21,1 Prozent ebenfalls \u00fcberraschend viel. Pikant ist die Aufstellung, wenn man die L\u00e4nder betrachtet, in denen die Haushalte diesbez\u00fcglich bessergestellt sind: in Russland sind es 21,0 Prozent, die sich eine Mahlzeit einmal nicht leisten konnten, und selbst in Griechenland waren es nur 17,9 Prozent. Zum Vergleich: in Deutschland waren es dank unseres Sozialstaats nur 4,6 Prozent. Die Krone wird dieser Betrachtung aufgesetzt, wenn man bedenkt, dass der US-Kongress im Februar beschlossen hatte, die finanzielle Unterst\u00fctzung f\u00fcr arme Haushalte beim Kauf von Essen (Food Stamps) zu k\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Auch die Einkommensverteilung spricht f\u00fcr sich. Der US-\u00d6konom J. Bradford Delong kritisiert, dass inzwischen das reichste 1 Prozent der US-Bev\u00f6lkerung vom Gesamteinkommen ganze 22 Prozent einstreicht; die reichsten 10 Prozent kommen auf mehr als die H\u00e4lfte aller Einkommen in den USA \u00fcberhaupt. Die Einkommen der 10-Prozent-Topverdiener sei inzwischen zwei Drittel h\u00f6her als das ihrer \u201eKollegen\u201c 20 Jahre zuvor.<\/p>\n<p>Vor wenigen Tagen hat die Debatte nun eine neue Sch\u00e4rfe erhalten mit der These, dass die USA von einer freiheitlichen Marktwirtschaft immer mehr in die Rolle einer oligarchisch gef\u00fchrten Autokratie abgleiten. Der franz\u00f6sische \u00d6konom Thomas Pikkety spricht in seinem Buch &#8222;Das Kapital im 21. Jahrhundert&#8220;, das Krugman als &#8222;das wichtigste Wirtschaftsbuch wom\u00f6glich des Jahrzehnts&#8220; hochleben l\u00e4sst, von gro\u00dfem Reichtum, der sich immer mehr politischen Einfluss kauft und damit die staatliche Regulierung in seinem Sinne lenkt. Viele Konservative, welche dem Staat Grenzen setzen m\u00f6chten, lebten zudem in einer intellektuellen Blase von Denkfabriken, die von einer Handvoll extrem reicher Geldgeber finanziert w\u00fcrden, kritisiert Pikkety. Er insinuiert damit auch eine gewisse Lenkung der \u00f6ffentlichen Meinung, die in Gestalt \u00f6konomischer Fakten und wissenschaftlich gesicherter Zusammenh\u00e4nge daherkommt und als unabh\u00e4ngig deklariert werde. Wie die Lage der meisten Menschen in der Gesellschaft wirklich ist, unter welchen M\u00fchen sie ihren Unterhalt bestreiten muss, das komme bei den Menschen in dieser Blase gar nicht an, schreibt er vorwurfsvoll. Diese Anklage hat in den USA und in den \u00f6konomischen Blogs einen regelrechten Debattensturm entfacht.<\/p>\n<p>Als Beleg f\u00fcr eine von einer (Kapital-)Machtelite gelenkten Politik f\u00fchren die \u00d6konomen etwa die steuerliche Beg\u00fcnstigung von Verm\u00f6genseinkommen gegen\u00fcber den Einkommen abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigter an. Oder die Rettungspolitik im Nachgang zur Finanzkrise. Auch die ultralockere Geldpolitik der US-Notenbank Fed, betont etwa Krugman, h\u00e4tte zusammen mit den Anleihek\u00e4ufen in diese Richtung gewirkt. Schlie\u00dflich seien Banken gerettet worden, und zuvorderst w\u00fcrden sie zusammen mit den gro\u00dfen Investoren von dieser Politik profitieren, weil sie kaum Abschreibungen vornehmen m\u00fcssten. Der international bekannte Wirtschaftshistoriker Harold James verweist auf den Erleichterungsboom, der durch die unkonventionelle Geldpolitik losgetreten worden sei. Von den Kursgewinnen h\u00e4tte nur eine Minderheit profitiert, die an den Finanzm\u00e4rkten engagiert sei. Schon jetzt, so Krugman, stelle die Politik die Interessen der Reichen stets \u00fcber jene der Normalb\u00fcrger. \u00dcberschreite diese Ungleichheit zudem ein gewisses Ma\u00df, n\u00e4hre sie sich stetig selber. Krugman: Reichtum dominiert die Arbeit.<\/p>\n<p>Einen Grund f\u00fcr diese Politik sehen \u00d6konomen wie Krugman in der Tatsache, dass die handelnden Politiker selbst zu den Top-Verm\u00f6genden zu rechnen sind und damit auch Ihresgleichen bevorzugen. 20 Prozent der reichten Amerikaner w\u00fcrden 85 Prozent der Finanzanlagen besitzen. Und fast alle US-Senatoren geh\u00f6rten schlie\u00dflich zu den Top-Ein-Prozent der reichsten Amerikaner, weshalb sie ein Interesse h\u00e4tten, dass die Verm\u00f6genseinkommen durch Finanzkrisen oder die Politik eben nicht geschm\u00e4lert oder gar vernichtet w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Derzeit, so bef\u00fcrchten Pikkety, Krugman und Stiglitz verschlimmere sich die Lage noch. Zum einen, weil die Wirtschaft in den Industriel\u00e4ndern insgesamt nicht mehr so schnell w\u00e4chst, weshalb auch die Entwicklung der Lohneinkommen stets hinter den Verm\u00f6genseinkommen hinterherhinken w\u00fcrde. Denn letztere w\u00fcrden weltweit angelegt, wo die Renditen noch h\u00f6her seien, w\u00e4hrend die Arbeit lokal verhaftet sei und mit Niedriglohnl\u00e4ndern konkurrieren m\u00fcsse. Zum anderen, weil sich zudem ein aggressiv agierender &#8222;Erbkapitalismus&#8220; gebildet h\u00e4tte, wie Krugman kritisiert.<\/p>\n<p>Denn ein immer gr\u00f6\u00dferer Teil der Superreichen hat sein Verm\u00f6gen inzwischen ererbt. Sechs der zehn reichsten Amerikaner seien Erben und keine Unternehmer aus eigener Kraft, f\u00fchrt er an. Die Kommandobr\u00fccken der Wirtschaft w\u00fcrden damit nicht vom Reichtum schlechthin, was schon schlimm genug sei, beherrscht, sondern von ererbtem Reichtum. Und Pikkety schreibt vor diesem Hintergrund: &#8222;Die Gefahr einer Entwicklung zur Oligarchie ist real und berechtigt zu wenig Optimismus&#8220;.<\/p>\n<p>Das von den zitierten \u00d6konomen skizzierte Gesellschaftsbild, in dem eine gierige reiche Minderheit sich der Wirtschaftskraft einer ganzen Nation bem\u00e4chtigt hat, mag \u00fcberzeichnet sein, viele Aspekte und manche Erfahrungen zeigen, dass zumindest der Versuch im Kapitalismus immanent ist, sich gewisse Vorteile zu erschleichen &#8211; \u00fcber Politik, Institutionen aber auch die \u00f6ffentliche Meinung. Der Kampf vieler \u00d6konomen gegen die erdr\u00fcckende Dominanz des Staats auch in der Wirtschaft, gegen \u00dcberregulierung und f\u00fcr Privatisierung mag anfangs berechtigt gewesen sein (und ist es in vielen Bereichen und Staaten immer noch), doch ging dieser weit \u00fcber das notwendige Ma\u00df hinaus, als etwa auch die ordnungssetzende Macht des Staates ebenso zur\u00fcckgedr\u00e4ngt worden ist. Das hat der Spekulation und verbrecherischen Aktivit\u00e4ten in der Wirtschaft Raum gegeben und Profite in die Taschen von Falschspielern gelenkt, wie jetzt anhand von vielen Prozessen so nach und nach ans Tageslicht kommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den USA ist eine hei\u00dfe Debatte \u00fcber die sch\u00e4dlichen Wirkungen zunehmender wirtschaftlicher Ungleichheit entbrannt. \u00d6konomen wie der Nobelpreistr\u00e4ger Paul Krugman oder Joseph E. Stiglitz gei\u00dfeln die enormen Verm\u00f6gensgewinne, welche die ohnehin bereits Verm\u00f6genden auf Kosten der \u00e4rmeren Schichten angeh\u00e4uft h\u00e4tten. Und der Internationale W\u00e4hrungsfonds (IWF) hat unl\u00e4ngst in einer Studie davor gewarnt, dass Ungleichheit [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2}},"categories":[32],"tags":[70,56,30,72,16,69,27,71],"class_list":["post-104","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-analyse","tag-armut","tag-demokratie","tag-oekonomie","tag-oligarchie","tag-politik","tag-reichtum","tag-volkswirtschaft","tag-wall-street"],"aioseo_notices":[],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p4f6gB-1G","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vox-populi.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vox-populi.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/vox-populi.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vox-populi.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vox-populi.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=104"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/vox-populi.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":111,"href":"https:\/\/vox-populi.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104\/revisions\/111"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vox-populi.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=104"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/vox-populi.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=104"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vox-populi.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=104"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}